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Darum fließt jetzt der Drogenhandel ins Bruttoinlandsprodukt ein

Fragen und Antworten : Darum fließt jetzt der Drogenhandel ins Bruttoinlandsprodukt ein

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist der wichtigste Gradmesser für die Leistung einer Volkswirtschaft. Ab sofort werden auch Drogenhandel und Prostitution in die Berechnung mit einbezogen.

Das BIP enthält den Wert aller erwirtschafteten Güter und Dienstleistungen eines Landes in einem bestimmten Zeitraum. Dazu gehören alle Wirtschaftsbereiche, der private Konsum, Investitionen, Export und Import sowie die Ausgaben des Staates.

Nun stellen die statistischen Ämter in ganz Europa die Berechnung auf Basis EU-weit vereinbarter Standards um. So werden Forschung und Entwicklung künftig eingerechnet. Auch die Schattenwirtschaft wird nach gleichen Kriterien miteinfließen - also etwa Drogenhandel und Prostitution.

Mit der neuen Methode steigt die absolute BIP-Höhe - und zwar nach Eurostat-Schätzung um zwei Prozent auf EU-Ebene. Die Zuwachsraten etwa im Quartalsvergleich ändern sich nicht, weil die Statistiker alle Daten bis in die 60er Jahre zurück überarbeiten und an die neuen Kriterien angleichen. Auch das Haushaltsdefizit von Staaten kann sich verändern.

Kritiker bemängeln, dass dies die Schuldenquote der EU-Staaten sinken lassen könnte. Eurostat hält dem entgegen, das Defizit sinke keineswegs automatisch, weil sich auch dessen Berechnung verändere. Verbindlich sind die neuen Vorgaben ab 1. September. Das Europäische Statistikamt Eurostat wird nach diesem Daten auf die neue Berechnung umstellen, das Statistische Bundesamt in Wiesbaden macht dies bereits jetzt.

Warum werden die Zahlen neu berechnet?

"Schuld" sind die Vereinten Nationen. Diese haben 2008 die Einführung eines einheitlichen "System of National Accounts" beschlossen, um Konjunkturdaten weltweit besser vergleichbar zu machen. Die Empfehlungen werden nun umgesetzt - in den USA etwa erfolgte dies schon vor einem Jahr. Deutschland zieht jetzt nach und folgt den Regeln des Europäischen Systems Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen, das auf den UN-Empfehlungen fußt.

Was ist die wichtigste Änderung für Deutschland?

Das Geld, das Unternehmen in Forschung und Entwicklung stecken, wird künftig als Investition verbucht. Bislang wurden diese Ausgaben vor allem als Vorleistungen angesehen und fielen deshalb bei der Berechnung des Bruttoinlandsproduktes weitgehend heraus. Auch staatliche Rüstungsausgaben werden künftig anders behandelt: Diese Anschaffungen fallen nicht mehr unter den Staatskonsum, sondern sind ebenfalls Investitionen. Auch Pensionsansprüche und Versicherungen werden anders bewertet.

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Was ist mit illegelane Aktivitäten wie Drogenhandel?

Da für das Bruttoinlandsprodukt "grundsätzlich alle wirtschaftlichen Aktivitäten einer Volkswirtschaft" erfasst werden sollen, werden erstmals auch Produktion und Handel von Drogen sowie der Schmuggel von Zigaretten berücksichtigt. Da über illegale Aktivitäten naturgemäß keine amtlichen Bilanzen vorliegen, arbeitet das Statistikamt mit Modellrechnungen und tauscht sich mit Experten - etwa vom Bundeskriminalamt - aus. "Der Einfluss der künftig zu erfassenden illegalen Aktivitäten auf die Höhe des BIP ist gering", erklärte das Bundeswirtschaftsministerium aber bereits.

Wird auch Prostitution erfasst?

Ja. "Prostitution ist in Deutschland grundsätzlich nicht verboten und damit bereits jetzt im BIP enthalten", so die Statistiker. Wegen der unterschiedlichen Rechtslage in Europa zählt sie aber trotzdem zu den "illegalen Aktivitäten". Um die Einnahmen zu schätzen, nutzen die Statistiker etwa die "häufig in der Literatur zu findenden Angaben zu den täglichen Nutzern von gewerblichen sexuellen Dienstleistungen, der Anzahl der weiblichen und männlichen Prostituierten, den unterschiedlichen Preisen".

Was sind die Folgen der Neuberechnung?

Die Wirtschaftsleistung ist um durchschnittlich etwa drei Prozent höher als bislang berechnet, schätzt das Statistische Bundesamt. Lag die Summe der in Deutschland hergestellten Produkte und erbrachten Dienstleistungen 2013 bei ursprünglich 2738 Milliarden Euro, so erhöht sie sich durch die Neuberechnung nun um rund 72 Milliarden Euro.

Müssen auch die Wachstumsraten neu berechnet werden?

Ja, allerdings nur um wenige Zehntel Prozentpunkte. Grund dafür ist, dass das Bruttoinlandsprodukt zurückberechnet wird bis in das Jahr 1991. Somit ändert sich an den jährlichen Veränderungsraten voraussichtlich nur wenig: Im Schnitt werden die alten Ergebnisse um bis zu 0,3 Punkte angepasst. So wurde das Wachstum für 2013 von ursprünglich 0,4 auf 0,1 Prozent nach unten revidiert.

Welche Folgen hat das für das Defizit?

Deutschlands Schuldenstand - die Verbindlichkeiten des Staates im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung - fällt kleiner aus. Die EU sieht hier eine Obergrenze von 60 Prozent vor, doch liegen die Schulden der Bundesrepublik derzeit bei 78,4 Prozent des BIP. Liegt nun das BIP um drei Prozent höher als bislang ermittelt, sinkt die Schuldenstandsquote automatisch, ohne dass sich an der Höhe der Verbindlichkeiten etwas ändert. Nach Reuters-Berechnungen dürfte der Schuldenstand 2013 so auf rund 76 Prozent gefallen sein. Aktualisierte Zahlen dazu will das Statistische Bundesamt in einigen Wochen vorlegen.

(dpa/REU)