FC Schalke 04: Rudi Assauer, der ewige Manager

Schalke feiert Rudi Assauer : Der ewige Manager

Mit Rudi Assauer (74) feierte der FC Schalke 04 seine größten Erfolge. Gestern, gut sechs Jahre nach Bekanntwerden seiner Demenz, gerät die Premiere des Films über sein Leben zur Hommage. Annäherung an eine Legende des deutschen Fußballs.

Mit Rudi Assauer (74) feierte der FC Schalke 04 seine größten Erfolge. Am Freitag, gut sechs Jahre nach Bekanntwerden seiner Demenz, gerät die Premiere des Films über sein Leben zur Hommage. Annäherung an eine Legende des deutschen Fußballs.

Es gab eine Zeit im Fußball, da öffnete sich beim Namen Rudi Assauer jede Tür. Assauer konnte Gesprächspartner mit dem bloßen Hochziehen einer seiner buschigen Augenbrauen zum Schweigen bringen. Mit einer dicken Zigarre in der Hand und einem Mikrofon vor dem Mund kehrte er gern den großspurigen Ruhrpottmacho nach außen und polterte los: "Der soll sein Weißbier trinken und die Klappe halten!", sagte er mal über Udo Lattek. Lebensgefährtinnen trugen den Kosenamen "die Alte". Pragmatisch war er auch: "Das Wort ,mental' gab es zu meiner Zeit als Spieler gar nicht. Nur eine Zahnpasta, die so ähnlich hieß."

Nur irgendwann, Ende der 90er Jahre, da merkte der Macher des FC Schalke 04, der mächtige Manager des Bundesligisten, dass irgendetwas nicht stimmt. "Chaos im Kopf" nannte Assauer das. Die Diagnose kam 2012: Der "Voll-Macho" war plötzlich Alzheimer-Patient. Assauer ging so offensiv mit dieser Schwäche um, wie früher mit seiner Stärke. Dass er auf Schalke unvergessen ist, bewiesen gestern zigtausend Fans, als die Doku "Rudi Assauer - Macher. Mensch. Legende" Premiere feierte. Einen passenderen Ort als die Schalker Arena hätte es für diese Hommage kaum geben können.

Mehr als 20.000 Zuschauer blickten zutiefst gerührt auf vier Großleinwände, als der 90-minütige Film das Leben des Rudolf "Rudi" Assauer (74) nacherzählte. Weggefährten kommen darin zu Wort, ehemalige Spieler und Kollegen. "Man konnte ihn Tag und Nacht anrufen", sagt Ex-Nationalspieler Gerald Asamoah darin. "Er war der perfekte Manager", lobt Mike Büskens, der als Spieler und als Trainer lange mit Assauer zusammenarbeitete.

Assauer selbst liebte es, mit dem eigenen Ansehen zu protzen. "Ich habe eben Ahnung vom Fußball", hieß es häufig, wenn er auf Erfolge angesprochen wurde. Über Fußball redete er ohnehin nur mit Leuten, die selbst einmal aktiv auf dem Platz gestanden hatten.

Assauer ist nicht "auf Kohle geboren" worden, aber im Ruhrgebiet aufgewachsen. Im ersten Beruf Stahlbauschlosser, wurde er 1964 bei Borussia Dortmund Profifußballer. Er spielte an der Seite von heutigen Idolen wie Lothar Emmerich, Hans Tilkowski oder Reinhard "Stan" Libuda. Ein Ballkünstler war der beinharte Verteidiger nicht. Eine gute Technik aber konnte man ihm auch nie absprechen. 1970 wechselte er zu Werder Bremen, wo er nach der aktiven Karriere 1976 Manager wurde. Doch erst im Jahr 1981 entdeckte er die größte Liebe seines Lebens: den FC Schalke 04.

Von 1981 bis 1986 und von 1993 bis 2006 prägte Assauer als Manager und Sportvorstand die Vereinsgeschichte des S04. Mit ihm gelang Schalke der größte Erfolg seiner Geschichte: der sensationelle Uefa-Cup-Sieg 1997. In dieser Zeit initiierte "Mr Schalke" auch seinen wohl größten Coup. Nachdem bis dato alle Planungen für den Bau eines neuen Stadions gescheitert waren, trotzte er den Geldgebern mehr oder weniger im Alleingang einen Kredit ab. "Das machen wir jetzt", soll er gesagt und den Vertrag per Handschlag besiegelt haben. Seit 2001 steht die "Arena auf Schalke" im Herzen von Gelsenkirchen, eine der modernsten Arenen Europas - und ein Denkmal des Rudi Assauer.

Die neue Arena war auch der Lichtblick im sportlich dunkelsten Moment, als Schalke 2001 denkbar knapp die Meisterschaft verpasste. Der Manager brach nach dem letzten Spiel im Parkstadion in Tränen aus. "Von heute an glaube ich nicht mehr an den Fußball-Gott", sagte Assauer damals. All das geschah, während ihn die Krankheit mehr und mehr und veränderte.

Fußballkommentator Werner Hansch erzählt, wie er seinen alten Freund damals auf die zunehmende Verwirrung aufmerksam gemacht habe. Assauer kämpft am Anfang des Jahrtausends bereits gegen die Anzeichen an. In seinem Büro liegen Kreuzworträtsel statt Spielermappen. "Assauer, so doof kannst du doch gar nicht sein!", sagt er zu sich selbst. Und trotz allem verliert er allmählich die Kontrolle, griff ab und an zum Alkohol.

Freunde erzählen, dass er manchmal abends angerufen habe, wenn ein Fußballspiel lief. Assauer habe gefragt, ob jemand das richtige Fernsehprogramm einstellen kann. Manchmal rief er Minuten danach ein zweites Mal mit derselben Bitte an. Ausgerechnet der Macher mit der Zigarre, den Mann mit der großen Klappe, der immer alles managte, brauchte im Alltag und bei den letzten Stadionbesuchen (etwa 2017 zum Jubiläumstreffen der "Eurofighter"-Mannschaft) selbst jemanden, der auf ihn aufpasste.

Nach der Diagnose vor sechs Jahren zog sich Assauer aus der Öffentlichkeit zurück. Er war selten in der Arena, dafür regelmäßig in der Memoryklinik in Essen. Mit Tochter Bettina wohnt der "Chef", wie sie ihn nennt, nun in Herten. Von Ex-Frau Britta lebt er längst getrennt. Er könne kaum noch gehen, habe stark abgenommen, sagt Bettina. "Und er redet nicht mehr so gerne." Sie kümmert sich gemeinsam mit Assauers Zwillingsschwester Karin um ihn. Die Familie ist also geblieben - auch die blau-weiße Fußballfamilie.

Selbst wenn er seinen Namen, seine Geschichte, seine Erfolge vergessen hat, könnte Assauer immer zum Arenaring 1 fahren und würde auf dem Weg zur Ehren-Loge an alles erinnert. Denn im Gedächtnis des FC Schalke wird der leidenschaftlich Großspurige wohl ewig bleiben.

Hier geht es zur Infostrecke: Die besten Sprüche des Rudi Assauer

(ball)
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