Israel: Frauen und Männer weiter vor Klagemauer getrennt

Israel nimmt Reformplan zurück: Frauen und Männer weiter vor Klagemauer getrennt

Für Frauen und Männer sollte eine gemeinsame Gebetszone vor der Klagemauer eingerichtet werden. Doch nun legt die israelische Regierung den Anfang 2016 beschlossenen Plan auf Eis. Liberale Juden kritisieren den Schritt scharf.

Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hatte am Sonntag Spitzenberater angewiesen, einen neuen Plan auszuarbeiten. Die Entscheidung stieß bei liberalen Strömungen des Judentums im In- und Ausland auf heftige Kritik. Sie wird als Rückschlag für Versuche angesehen, in Israel mehr religiösen Pluralismus zu etablieren.

Der im Januar 2016 gebilligte Plan war nach jahrelangen Verhandlungen zwischen israelischen und amerikanisch-jüdischen Religionsführern und den Behörden als Kompromiss erzielt worden und galt als bedeutender Durchbruch. Er wurde aber wegen des Widerstandes mächtiger ultraorthodoxer Parteien in Netanjahus Koalitionsregierung nie umgesetzt.

Die Klagemauer in Jerusalem, der heiligste Ort des Gebets für Juden, steht unter ultraorthodoxer Verwaltung. Gegenwärtig gibt es dort getrennte Gebetszonen für Männer und Frauen.

Die Vorsitzende der Gruppe Frauen der Klagemauer, die sich für einen gleichberechtigen Zugang zu der Mauer einsetzt, nannte die Entscheidung der Regierung empörend. "Das zeigt Feigheit", sagte Anat Hoffman. Zwei Jahre lang sei guten Glaubens mit der Regierung verhandelt worden, "und dann beschließen sie, dass das null und nichtig ist, dass die Gleichberechtigung dahin ist."

Liberale jüdische Gruppen hatten bereits vor dem Obersten Gericht beantragt, dass der Plan umgesetzt wird. Sie hoffen darauf, dass das Gericht die jüngste Regierungsentscheidung kippt.

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Der Oppositionspolitiker und Autor Jair Lapid warf Netanjahu unverantwortliches Handeln vor. Der Regierungschef gebe damit seine Rolle als Führer des jüdischen Volks auf, sagte Lapid.

"Israel wurde heute zur einzigen Demokratie in der Welt, in der es keine gleichen Rechte für Juden gibt", schrieb Lapid auf seiner Facebook-Seite. Der Schritt sei ein Affront für die religiösen Gefühle von Millionen Juden.

Arieh Deri, Vorsitzender der ultraorthodoxen Schas-Partei, äußerte sich erfreut. Der Plan hätte der "Heiligkeit der Stätte" geschadet, sagte er. Den Status quo zu erhalten entspreche dem Willen der meisten Menschen, sagte er.

Verteidigungsminister Avigdor Lieberman, eine der wenigen abweichenden Stimmen im Kabinett, sagte, die Entscheidung sei ein schwerer Schlag für die Einheit des jüdischen Volks.

In den USA sagte Rabbiner Rick Jacobs, Präsident der Union für das Reformjudentum, der größten Strömung des Judentums in den USA, die Entscheidung könne dazu führen, dass viele ihre Unterstützung für Israel überdächten. Viele vergleichsweise liberale amerikanische Juden fordern seit langem, dass Israel auch ihre religiösen Praktiken akzeptieren müsse, wenn es ihre finanzielle und politische Unterstützung annehme.

(sbl/ap)