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Anna Zitzelsberger und Katharina Schwarzbauer: Seit 100 Jahren Zwillingsschwestern

Anna Zitzelsberger und Katharina Schwarzbauer : 100 Jahre Zwillinge

Anna Zitzelsberger und Katharina Schwarzbauer sind Schwestern. 1920 wurden sie im Bayerischen Wald geboren. Dort leben sie immer noch – und blicken zurück auf ein archaisches Bauerndasein, Kriegserlebnisse und lange Kartenspiel-Abende.

Ach, der Rollator, den will Katharina Schwarzbauer nicht mitnehmen beim Gang in den Garten des Pflegeheimes. „Ich kann ohne den Wagen laufen“, sagt sie zu ihrer Nichte. Die beiden fassen sich an der Hand, aber der Rollator kommt dennoch mit. Auch Schwarzbauers Schwester Anna Zitzelsberger ist noch zu Fuß unterwegs, wenn auch etwas schwerfälliger. Jetzt lässt sie sich lieber im Rollstuhl schieben. Seit Anfang August sind die beiden in einem Doppelzimmer untergebracht, im Heim St. Laurentius in Ruhmannsfelden, Landkreis Regen, Bayerischer Wald.

Die Schwestern sind Zwillinge, sie wurden am 4. Mai 1920 geboren, zwei Jahrhundertleben, die obendrein die ganze Zeit aufs Engste miteinander verwoben blieben. Auf die Frage, wie es geht, sagt Katharina Schwarzbauer: „Ich bin pumperlgesund.“ Es ist ein schöner, noch warmer Herbsttag. Klar, dass die Schwestern ihn nicht die ganze Zeit drinnen verbringen. Die beiden Töchter von Zitzelsberger sind zu Besuch gekommen, wie sie das mehrfach in der Woche machen. Die Marktgemeinde mit ihren 2000 Einwohnern liegt im Osten Bayerns, die Gegend ist geprägt von Wald, viel Wald.

Weltweit hat sich die Zahl der über 100 Jahre alten Menschen seit der Jahrtausendwende fast vervierfacht und im Jahr 2019 mit 433.000 einen neuen Höchstwert erreicht, berichtet das Statistische Bundesamt. Von den 25,6 Millionen in Deutschland ausgezahlten Renten gingen im vergangenen Jahr 27.000 an Empfänger, die über 100 Jahre alt sind.

Wie wird man 100 Jahre alt, und das vor allem auch noch gemeinsam als Zwillinge? Katharina Schwarzbauer zuckt mit den Schultern und meint: „Ich war nie groß krank.“ 100 zu werden, scheint für diese beiden so etwas wie eine Selbstverständlichkeit zu sein, über die man nicht groß reden muss. Schwester Anna Zitzelsberger spricht weniger, weil sie schwerhörig ist. Im Heim machen die beiden vieles allein und ohne große Hilfe – sie stehen auf, waschen sich, kleiden sich an, nehmen die Mahlzeiten ein.

Im Bayerischen Wald ging es früher rau zu, die Gegend war bitterarm und lag abgeschieden. Es gab viel Schnee, die Sommer waren kurz. Telefon, Busverbindung, ein Geschäft um die Ecke – Fehlanzeige. Die wenigsten Wege waren gepflastert, es gab kaum Autos, geschweige denn dort, wo schon damals die Zeit stehengeblieben zu sein schien. Ein Radio besaßen nicht viele Haushalte, Telefon schon gar nicht. Die große weite Welt war weit weg.

Die Schwestern wurden als die jüngsten von elf Kindern einer Bauernfamilie geboren, die Menschen lebten hauptsächlich von der Land- und Forstwirtschaft. Der Hof gehörte zum Dorf Oberried und lag mitten im Wald. „Eine Stunde sind wir in die Schule gelaufen, in Holzschuhen“, erzählt Katharina Schwarzbauer. „Und eine Stunde wieder zurück.“ Der Schnee reichte manchmal nicht nur bis zu den Knien, sondern bis ans Becken. „Wir hatten ein Stück Brot dabei, sonst nichts.“ Im Sommer, nach der Schule, trieben sie die Kühe auf die Weide und am Abend wieder zurück in den Stall.

Diese Kindheit und Jugend wirken heute archaisch, wie eine lange schon versunkene Welt. Ein Leben in der Natur, mit der Natur, von der Natur, um zu überleben. „Ich habe meine Jugend im Wald verbracht“, sagt Schwarzbauer, „und immer Holz gehauen.“ Ihr niederbayerischer Dialekt ist so stark, dass die beiden Nichten Margot Wagner und Christine Haimerl immer wieder übersetzen müssen. Der Vater der Zwillinge war nicht nur Bauer, sondern auch Wilderer, erzählen die 100-Jährigen und lächeln verschmitzt. Die erlegten Tiere verkaufte er schwarz an die umliegenden Gasthöfe, wie das in dieser Zeit und in dieser Gegend üblich, aber nicht legal war. „Tante, das ist längst verjährt“, sagt Margot Wagner.

Anna Zitzelsberger im April 1944 Foto: FOTO: PRIVAT | GRAFIK: C. SCHNETTLER

Nach sieben Jahren war Schluss mit der Schule, die Mädchen wurden als Arbeitskräfte auf dem Hof gebraucht, 1933 war das. Katharina Schwarzbauer blieb immer in ihrer Heimat, ihre Schwester arbeitete ein Jahr lang als Zimmermädchen in einem Hotel im heutigen Tschechien. Doch mit 17 kam sie zurück: „Ich hatte Heimweh“, sagt sie. Vom Nationalsozialismus und dem Zweiten Weltkrieg haben die Schwestern noch manches in Erinnerung. Häufig erzählen sie Geschichten von Menschen auf der Flucht vor den Nazis. Ein Pole wurde versteckt und arbeitete in der Landwirtschaft mit. Das hat jemand dem Gauleiter gemeldet, die Gendarmerie holte den Mann. Was aus ihm wurde, sei nicht bekannt gewesen. Nach Kriegsende quartierten sich amerikanische Soldaten ein. Die Schwestern hätten Angst vor ihnen gehabt – „aber sie waren sehr nett“.

Die Zwillinge sind zwei kleine, zartgliedrige Frauen. Bis Weihnachten 2019 hatte Anna Zitzelsberger in ihrem Haus noch allein und mit familiärer Unterstützung gelebt. Kein Einzelfall: So wohnen in Deutschland knapp 60 Prozent der 100-Jährigen in Privathaushalten und davon etwa ein Drittel allein. Der Anteil der eigenständig lebenden 100-Jährigen hat sich allein zwischen den Jahren 2002 und 2012 sogar verdoppelt, wie eine 100-Jährigen-Studie ergeben hat.

Doch vor knapp einem Jahr stürzte Anna Zitzelsberger und zog sich einen Beckenbruch zu. Kurze Zeit darauf fiel auch die Schwester hin und brach sich die Brustwirbelsäule. Vom Krankenhaus kamen die beiden, wenige Monate vor ihrem 100. Geburtstag, in eine Pflegeeinrichtung, die die Schwestern und ihre Angehörigen allerdings in nicht besonders guter Erinnerung haben, weshalb der Aufenthalt dort auch nicht von langer Dauer war.

So habe das Pflegepersonal in dem Heim die Schränke im Zimmer der Schwestern zugesperrt und den Schlüssel weggenommen – mit der Begründung, so Gertrud Wagner, die 65-jährige Tochter und Nichte, dass sie „die Wäsche durcheinanderbringen“. Christine Haimerl meint: „Sie brauchen es aber, in ihrer Wäsche zu kruschteln.“ Auch seien ihrer Mutter die Stricksachen weggenommen worden. Katharina Schwarzbauer sagt: „Da waren wir wie eingesperrt.“ Unakzeptabel für zwei Frauen, die in ihrem langen Leben so manche Herausforderung gemeistert haben.

Alois Zitzelsberger, der Mann von Anna, verlor im Krieg seine Beine. Erst war er als Soldat in Russland, dann in Serbien. Als der Krieg schon beendet war, wurde er auf der Heimfahrt von einem Zug überrollt. Doch mit den Prothesen, die er damals erhielt, konnte er wieder recht gut laufen, erinnert sich Anna Zitzelsberger. Josef Schwarzbauer, Ehemann von Katharina, betrieb den Hof bis 1960. Und er verdiente Geld als Musiker – in einem Volksmusik-Ensemble spielte er Trompete.

Katharina Schwarzbauer im Jahr 1945 Foto: FOTO: PRIVAT | GRAFIK: C. SCHNETTLER

Es sind schöne Geschichten, und es sind grausige Geschichten, die die Schwestern erzählen. Waffen gab es damals viele im Bayerischen Wald. Der älteste Bruder kam ums Leben, ein Gastwirt erschoss ihn aus Versehen. Einen weiteren Verwandten traf eine Kugel beim Neujahrsschießen, auch dies ein Unfall. Schwarzbauer nähte zehn Jahre lang in einer Gardinenfirma. Abends wurde oft bis in die Nacht hinein Böhmisch Watten gespielt und Zwicken – bayerische Kartenglücksspiele, die kaum mehr bekannt sind. „Wir haben immer um Geld gespielt, manchmal um viel Geld“, sagt die 100-Jährige entschieden. „Und danach gab es eine saure Milchsuppe“ – eine Speise aus der bäuerlichen Küche. Andere Länder haben sie auch gesehen, mit Busreisen nach Österreich und Italien.

Obwohl Zwillinge, verliefen ihre Schicksale nicht gleich: Anna Zitzelsberger hat sechs Kinder, die alle noch leben, und zwölf Enkel. Katharina Schwarzbauers drei Kinder sind gestorben – der erste Sohn im Alter von einem Jahr an Diphtherie, der zweite mit 21 bei einem Verkehrsunfall, die Tochter war 40 Jahre alt, als sie einem Krebsleiden erlag.

Im neuen Heim St. Laurentius verbringen die 100-Jährigen viel Zeit mit Basteln, Singen oder Tanzen. Sie stricken und lesen die Lokalzeitung, den „Viechtacher Bayerwald-Bote“. Sie fühlen sich wohl. Wenn die Verwandten kommen, gehen sie regelmäßig eine Runde spazieren, kaufen Schuhe oder setzen sich auf einen Kaffee und einen Kuchen ins Café Mader. Abends trinken sie manchmal ein Glas Bier. Einfache Dinge, die glücklich machen. Damals wie heute.