München: Angst um das Münchner Herz

München: Angst um das Münchner Herz

Der weltbekannte Viktualienmarkt ist marode und muss dringend saniert werden. Aber wie? Die Händler fürchten, dass das Althergebrachte einer Luxussanierung weichen muss, die Stadtverwaltung beschwichtigt.

Auf dem Münchner Viktualienmarkt ist alles langsamer, die Menschen hetzen nicht, sie schlendern. "Schauen Sie mal, wie die Menschen hier gehen", sagt Elke Fett und blickt auf die Besucher vor den Ständen, die das farbenfrohe Gemüse, die vielen Blumen, Käse, Fleisch und Wurst betrachten. "Ganz anders als auf dem Marienplatz oder in der Fußgängerzone."

Elke Fett führt seit 25 Jahren selbst einen Stand - bei "Duftschmankerl" gibt es Pfirsich-Duftöl und Lavendelketten, Gewürzkränze und die Rose von Jericho. Doch bleibt auf dem Viktualienmarkt, vielfach als das Herz Münchens gerühmt, alles beim Alten? "Die Stadtspitze behandelt uns wie die letzten Geier, wir sind ja austauschbar", schimpft die 74-Jährige, die auch Vorsitzende der "Interessengemeinschaft Viktualienmarkt" ist und einen Großteil der Händler vertritt.

Für Unmut sorgt die seit einem Jahrzehnt diskutierte und überfällige Sanierung des Marktes. Sie soll nun angegangen werden. Die Händler fürchten um die Identität, um den Charakter des Markttreibens, das der Autor Axel Hacke als "ein bisschen chaotisch" beschrieben hat. Mittlerweile hat sich ein Verein "Freunde des Viktualienmarktes" gegründet, der eine "Übermodernisierung" fürchtet und sagt: "Wir wollen keine modern designten Markthütten." Auch sollten keine "Handelsketten" einziehen.

Der Konflikt spiegelt vieles an Entwicklungen und Ängsten wider, die München zu schaffen machen, vor allem auf dem irrwitzig überteuerten Wohnungsmarkt. Wird das Althergebrachte, das Münchnerische, geopfert für Luxussanierung und Gewinnmaximierung, für einen edel-schicken Ort des Konsums mit gesichtslosen Ständen?

Dass der Markt saniert werden muss, ist unstrittig. Teile der Bausubstanz sind alt und hinfällig, die Keller sind teils vergammelt, es bröckelt, tropft und leckt. In der vergangenen Woche mussten ein Bereich des Marktes geschlossen und die Händler umquartiert werden, weil ein marodes Abwasserrohr gebrochen war. Doch wie soll saniert werden? Der Viktualienmarkt wird von der Stadt München betrieben. Es gibt jetzt einen eigenen Info-Stand über die Zukunftspläne, dort heißt es: "Der Münchner Viktualienmarkt soll behutsam, sanft und liebevoll saniert werden." Ziel sei "die dauerhafte Sicherung des Marktes in seiner heutigen Form". Gedacht wird an eine Schritt-für-Schritt-Sanierung, bei der Standl-Betreiber provisorisch an andere Stellen ausweichen können.

Elke Fett sagt allerdings: "Ich habe kein Vertrauen mehr." Über die Jahre hinweg habe sie von Vertretern der Stadt so ziemlich alles Erdenkliche gehört, was mit dem Markt passieren könnte: Totalabriss, jahrelange Baustelle, massive Veränderungen. Viele Händler hätten keinen Zugang zu Wasser, Hygienevorschriften könnten nicht eingehalten werden. In Wirklichkeit handle es sich bei den Ständen gar um "Schwarzbauten". Der Münchner Alt-OB Christian Ude (SPD) soll über die "Zeltstädte vom Hindukusch" gespottet haben, was ihm die Händler bis heute übelnehmen.

Städtische Bedienstete lassen im Gespräch durchblicken, dass sie - vorsichtig gesagt - über das Wirken von Elke Fett nicht immer glücklich sind. Mit dem Verhältnis steht es offenkundig nicht zum Besten. Das Notwendige, kritisiert sie weiter, erledigten die Behörden hingegen nicht. So wird seit 20 Jahren eine öffentliche Toilette auf dem Markt gefordert, bis heute gibt es keine.

Fett bemängelt, dass die Pacht für die Stände bei einer Übergabe nicht mehr wie üblich auf Lebenszeit vergeben wird, sondern nur noch für ein, zwei oder drei Jahre. "So kann man aber nicht planen", sagt sie. Wer einen Stand erhält, gibt seine bisherige Arbeit dafür auf. Das städtische Kommunalreferat teilt dazu mit, dass dies im Moment "eine große Verwaltungsvereinfachung darstellt". Aber: "Grundsätzlich sollen alle Händler, die vor der Sanierung auf dem Markt sind, danach wieder unbefristete Zuweisungen erhalten." Ein Sprecher sagt gegenüber dieser Zeitung: "Es fliegen keine Händler vom Platz."

Im Juni soll der Münchner Stadtrat beschließen, wie es mit der Sanierung weitergeht. Davor hat Elke Fett im Mai noch Gelegenheit, dem Oberbürgermeister Dieter Reiter bei einem Gespräch ihre Sicht der Dinge zu erläutern: "Vertrauen muss man sich erarbeiten, die Stadt soll uns bei der Sanierung mitnehmen."

(RP)