Ratingen: Nachhilfe für Schulpolitiker

Ratingen: Nachhilfe für Schulpolitiker

Politik trifft Wirklichkeit: Beim Bildungsgipfel der CDU und Frauen Union im Bürgerhaus am Marktplatz gab es viel Lob für die Investitionen in Schulen, aber auch viel Kritik.

Marc Ratajczak befasst sich beruflich mit Schulpolitik, sitzt im entsprechenden Ausschuss des Landtages und hat bereits diverse Bildungseinrichtungen besucht. Kurzum: Der CDU-Landtagsabgeordnete aus Mettmann sollte gut informiert sein. Beim Bildungsgipfel der Christdemokraten im Bürgerhaus am Marktplatz bekam Ratajczak nun einen unverblümten Eindruck davon, wie die Basis derzeit tickt und wie es brodelt.

Botschaft: Die schwarz-gelbe Landesregierung hat zwar viel in die Rahmenbedingungen investiert, doch an vielen Stellen ist der Bildungsanzug für Kinder und Jugendliche zu klein, faltig, schlecht geschnitten oder schlichtweg unpassend.

Kurzum: Man muss erheblich nachbessern. Ratajczak hat sich viele Notizen gemacht, sozusagen ein Pflichtenheft angelegt, dessen Inhalt er abarbeiten will.

Das Zahlenpaket, das der Abgeordnete auspackte, ließ die Zuhörer, darunter viele Lehrer, trotz der Größe doch eher unbeeindruckt: Es gibt 6700 Schulen in NRW, 4100 Einrichtungen befinden sich mittlerweile im offenen Ganztag, 216 Realschulen und Gymnasien, darunter auch das Ratinger Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium, haben den Ganztag übernommen. Der Bildungsetat habe sich im Vergleich zu 2005 in NRW um 1,4 Milliarden Euro erhöht.

Gerade vor dem Hintergrund dieser Rahmenbedingungen fiel die Kritik umso deutlicher aus. Detlev Lewen, der Leiter des Kopernikus-Gymnasiums, betonte, dass man für richtiges und gutes Lernen einfach mehr Platz benötige. Die Raumrichtlinien stammten aber aus dem Jahr 1972. Und überhaupt: Mit dem Ganztag sei das so eine Sache, denn Schüler der Sekundarstufe I hätten bereits an drei Tagen in der Woche bis tief in den Nachmittag hinein Unterricht — auch ohne den Ganztag.

Klausur ohne Unterricht

Eine Mutter legte nach. Ihr Kind habe zwei Wochen lang auf Französisch-Unterricht verzichten müssen, schreibe aber nun eine Klausur. Ihre Frage: "Wie soll das gehen?" Leistungsdruck und Ganztag würden Hobbys wie Sport und Musik an den Rand drängen. So sei es keine Utopie mehr, dass die Musikschulen immer weniger Kinder unterrichteten und auf absehbare Zeit ein Sterben der Chöre und Jugendsinfonieorchester einsetze.

Udo Schäckermann (CDU), selbst Lehrer und in der Fortbildung tätig, polterte: "Die Rahmenbedingungen stimmen doch nicht." Und die Lehrer müssten das Ganze ausbaden.

"Auf dem Rücken der Kinder"

Die so genannte Qualitätsanalyse an Schulen erfordere einen unglaublich hohen Verwaltungsaufwand, der vieles Andere blockiere, urteilte Claudia Luderich (CDU), Lehrerin an der Friedrich-Ebert-Realschule im Stadtteil Mitte.

Erika Zender, Mutter von vier Kindern und Vorsitzende der Frauen Union (FU), betonte: "Jahrelang hat es Ideologie-Debatten auf dem Rücken unserer Kinder gegeben. Die Schulen sind nicht zur Ruhe gekommen." Der Leistungsdruck auf die Kinder habe sich massiv erhöht. Es sei doch bezeichnend, dass zwei Nachhilfeinstitute im Stadtteil Hösel aufgemacht hätten, so Zender.

Michael Kreft, Leiter der Martin-Luther-King-Gesamtschule, prangerte an, dass der Lehrerberuf in der Wahrnehmung sehr unbeliebt sei. Die Folge: Es fehlen Lehrer, in manchen Fächern, vor allem in den Naturwissenschaften, herrscht blanke Not. Mit Blick auf die Arbeitsbelastungen stellt er klar: "Man muss die Schulleitungen stärker von ihren Verpflichtungen befreien."

(RP)