Neuss: Goethes Clavigo macht Männchen

Neuss: Goethes Clavigo macht Männchen

Im Rheinischen Landestheater hatte Alexander Masuchs Adaption von Goethes Trauerspiel "Clavigo" Premiere. Er fokussiert die Geschichte des untreuen Mannes auf einen Konflikt zwischen zwei gesellschaftlichen Lagern.

Alles eine Frage der Ehre? Marie sieht das nicht so. Clavigo hat sie sitzengelassen. Na und? Von einer Liebe bis in alle Ewigkeit hält sie sowieso nichts. Und wenn ihr Bruder nicht wäre, der in ihrer Schmach die Ehre der gesamten Familie verletzt sieht, würde sie wohl noch eine Weile sauer sein, auf den treulosen Ex schimpfen und ihn dann vergessen. Und vermutlich einen anderen finden. Aber das lassen weder Bruder noch die ältere Schwester Sophie zu. Weil auch der Versöhnungsversuch scheitert und Clavigo sein Mädchen zum zweiten Mal verrät, endet die Geschichte tragisch: Der Bruder bringt Marie um.

Alexander Masuch hat Goethes "Clavigo" für seine Inszenierung im Rheinischen Landestheater zwar ordentlich biegen müssen, um diese hochaktuelle Zuspitzung des Geschehens hinzubekommen, aber andererseits: Dass Marie wie in der Originalversion des 1774 uraufgeführten Trauerspiels ob des erneuten Betrugs danieder sinkt und an gebrochenem Herzen stirbt, ist heute vielleicht doch ein wenig weit weg von der Realität. Und muss zeitgenössisches Theater nicht mit einem über 200 Jahre alten Stück so umgehen, dass es aktuelle Befindlichkeiten aufdeckt?

Zweifellos hat Masuch den richtigen Ansatzpunkt gewählt, indem er sich des Themas von zwei Seiten nähert: Dort die traditionsbewusste — um nicht zu sagen: -belastete — Familie und hier die moderne junge Frau, die vor Zorn darüber, dass alles über ihren Kopf hinweg bestimmt wird, außer sich ist. Melanie Vollmers Marie ist eine Wut schnaubende, die Männer fast verachtenden junge Frau in Jeans und T-Shirt, die von unsichtbaren Ketten eingeschnürt wird.

Sie verkörpert äußerlich ebenso wie Clavigo und dessen Freund Carlos die moderne Fraktion des Personals, während Schwester Sophie und Bruder Beaumarchais in historisierenden Kostümen die Vergangenheit repräsentieren. Und dazwischen: Sophies Ehemann, für den der Regisseur und sein "konzeptioneller Mitarbeiter" Udo Eidinger zwei Goethe-Figuren zu einer zusammengelegt haben. Ein Clown spricht zeitweise Sophies Ehemann Guilbert und den gemeinsamen Freund und Verehrer Maries, Buenco. Der Sinn dafür erschließt sich erst nach einiger Zeit — was vor allem dem Schauspieler Raik Singer zu verdanken ist, der seiner Figur viel vom Shakespeare'schen Narren gibt.

Andererseits konzentriert sich in seiner Figur auch das größte Manko dieser Inszenierung: Sie ist vor allem auf Äußerlichkeiten bedacht. Das fängt mit dem Laufsteg ins Publikum an, geht über Albernheiten wie einem "Französeln" in der Aussprache oder dem Häschen-hüpf-Verhalten im Spiel weiter und endet beim outrierten Gehabe, das zum Beispiel Roman Konieczny als Clavigo an den Tag legen muss.

Julia Rogges sprechende Kostüme und ihre nüchtern gehaltene Bühne sind zwar adäquater Spiel-Raum, aber die Inszenierung verliert sich in Kaspereien und bleibt mit der Absicht, zwei verschiedene gesellschaftliche Systeme aufzuzeigen, in der Behauptung stecken. Für die Zuspitzung des Konflikts auf Maries Weigerung, sich wie ein Opfer zu verhalten, was alles weitere erst auslöst, ist die Masuchs Interpretation der Figur zudem dann doch zu dünn.

Und Clavigo? Bei Goethe erliegt er den Einflüsterungen von Carlos und erweist sich als Karrierist, dem manchmal doch das Gewissen schlägt. Bei Masuch ist er nur noch ein überspanntes Männchen. Koniecnys überkandideltes Spiel ist zwar beeindruckend, aber er kann die Inszenierung ebenso wenig aus ihrer Unentschiedenheit herausholen wie die gleichsam guten Leistungen seiner Kollegen André Felgenhauer (Carlos), Stefan Schleue (Beaumarchais), Claudia Felix (Sophie), Melanie Vollmer (Marie) und Raik Singer (Buenco/Clown). Großer Beifall.

(NGZ)