Serie 100 Jahre Erster Weltkrieg (15): Bahnhof Rheydt: Letzter Halt vor der Front

Serie 100 Jahre Erster Weltkrieg (15) : Bahnhof Rheydt: Letzter Halt vor der Front

Günter Krall hat vor zwölf Jahren an dem Buch "Heeresfeldbahnen der Kaiserzeit" mitgearbeitet. Jetzt hat der Rheydter "Eisenbahnfreund" untersucht, welche Rolle Mönchengladbachs Schienen im Ersten Weltkrieg spielten.

Sein Archiv umfasst Tausende historische Postkarten. Er hat Dutzende Bücher über die Zeit des Deutschen Kaiserreiches im Regal, unzählige eigene Aufzeichnungen - bis hin zu einem selbst geschriebenen Buch. "Heeresfeldbahnen der Kaiserzeit", heißt das Werk, an dem Günter Krall 2002 mitgearbeitet hat. Natürlich geht es um Schienen, Loks, Transportwege, Truppen und Züge, denn darum geht es ihm meistens: "Ich bin seit 44 Jahren Eisenbahnfreund", sagt der Rheydter. Jetzt hat er zum Ersten Weltkrieg geforscht, dabei auch untersucht, welche Rolle Mönchengladbachs Schienen spielten - und einiges zusammengetragen.

"In ganz Deutschland fuhren Züge auf festgelegten Routen, um die Soldaten mit ihrem Kriegsgerät in die Aufmarschgebiete zu bringen", erzählt der 61 Jahre alte Pensionär, der - wie könnte es anders sein - als Fahrdienstleiter bei der Bahn angestellt war. "Auch Mönchengladbach lag an einer solchen ausgewählten Eisenbahnstrecke." Über die Route sei die Erste Armee, deren Ziel Paris sein sollte, transportiert worden. "Da nicht alle Transporte an gleicher Stelle ausgeladen werden konnten, mussten, um einen reibungslosen Ablauf zu gewähren, verschiedene grenznahe Ausladestellen bestimmt werden." Dazu hätten die Bahnhöfe Rheydt und Wickrath gehört, in der Region außerdem die Bahnhöfe in Erkelenz und Linden. "Von hier aus ging es dann auf den Straßen weiter", sagt Krall. Später "kamen immer mehr Lazarettzüge von der Kampflinie in die Heimat zurück. So war gerade unsere Stadt von unzähligen verwundeten Soldaten regelrecht überflutet, da sie nicht weit von der deutschen Grenze lag." In einem Reserve-Lazarett mit 700 Betten seien sie behandelt worden, "es gab viele Zweigstellen in Rheydt und Odenkirchen", ergänzt er. Günter Krall hat eine Postkarte vom evangelischen Gemeindehaus in Odenkirchen und eine vom Marienheim in Rheydt, die damals als Krankenstationen genutzt wurden, "schon im dritten Kriegsmonat wurden in der Stadt die ersten Soldaten behandelt". Wer seinen Verletzungen erlag, sei zum Beispiel auf dem Soldatenfriedhof im heutigen Schmölderpark beigesetzt worden. Auch Günter Kralls Großvater, gebürtiger Neusser, musste während des Ersten Weltkriegs in einem Lazarett behandelt werden. In Ostpreußen sei das gewesen, erzählt der Enkel. "Meine Oma war dort Rosenkranzschwester, lernte ihn im Lazarett kennen und kam mit ihm ins Rheinland." Krall selbst verließ die Region 1969: Bis 1971 besuchte er ein Internat in Regensburg. "Ich konnte nicht jedes Wochenende nach Hause fahren", erzählt er, das sei zu teuer gewesen. "Aber ich bin trotzdem oft zum Bahnhof gelaufen, das war mein Verbindungspunkt zur Heimat." Er sah sich fasziniert die Loks an, machte Fotos - das war der Beginn seiner Bahnkarriere.

Günter Krall zeigt einige Sammlerstücke aus seiner Postkarten-Sammlung. Foto: Hans-Peter Reichartz, sammlung krall (4)

Dem Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden habe er schon mal für eine Ausstellung einige seiner Postkarten zur Verfügung gestellt, sagt Krall. Durch sein Buch über die Heeresfeldbahnen seien die Museumsleute auf ihn aufmerksam geworden, deren Geschichte interessiert ihn übrigens immer noch: "Die Schmalspurbahnen waren schnell verlegt und fuhren bis zur Front." Die Deutschen hätten damals Hunderte dieser Bahnen auf Feindesland angelegt.

(naf)
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