Krefeld: Trauer um Ruth Elcott: Eine Frau, die Hitler besiegte

Krefeld : Trauer um Ruth Elcott: Eine Frau, die Hitler besiegte

Ruth Elcott wurde 1921 als Ruth Meyer in Krefeld geboren. Am Freitag ist sie in den USA gestorben. Dr. Ingrid Schupetta, Leiterin der NS-Dokumentationsstelle, erinnert an eine starke Frau, die ihr Leben und das ihrer Familie dem Nationalsozialismus abtrotzte:

"Ihre Kraft bezog sie aus einem unbändigen Drang nach Leben und ihrer religiösen Überzeugung als Jüdin. Ihr starker Willen zeigte sich, als sie am 21. April 1939 - bei der Flucht von Deutschland nach Großbritannien - mit Papieren unterwegs war, die sie selber "korrigiert" hatte. Eigentlich wäre sie einige Monate zu jung gewesen, um eine Einreiseerlaubnis als Landwirtschaftshelferin zu bekommen. Doch es gelang. In England hielt sie sich mit der zugewiesenen Tätigkeit nicht lange auf, sondern begann die Behörden zu belagern, bis sie ihre Mutter, ihren Vater und ihre jüngere Schwester am 2. August 1939 aus Deutschland herausbekam. Nur die Rettung der Großmutter Emilie gelang der 18-Jährigen nicht mehr rechtzeitig. Emilie Meyer wurde 1942 in Treblinka ermordet.

Vor ihrer Flucht hatte Ruth Meyer Kontakt zu einem jungen Mann, der für Merländer, Strauß und Co. arbeitete. Er schenkte ihr zwei Stückchen Seidenstoff, die sie sorgsam aufbewahrte. Bei einem ihrer vielen Besuche in Krefeld - eine Clique von Schülerinnen der heutigen Ricarda-Huch-Schule, die auch Ruth Meyer besucht hatte, hielt über Kontinente und Jahrzehnte zusammen - übergab sie mir die Seide für die Sammlung in der Villa Merländer.

In einer anderen Vitrine finden sich weitere Andenken an die junge Ruth Meyer. Sie überlegte sich ihrerzeit, dass sie irgendwann aus Nazi-Deutschland auswandern wolle. Möglicherweise hätte sie sich dann sprachlich nicht mehr verständigen können. In der Konsequenz lernte sie Filzblumen zur Verzierung von Hüten herzustellen. Zwei der damaligen Versuche schenkte sie ebenfalls der Villa.

Ruth Meyer schrieb seit 1935 Tagebuch. Auch dieses Tagebuch kommt in der Ständigen Ausstellung in der Villa Merländer vor. Die Passage über die Zerstörungen im Familienhaus, Friedrich-Ebert-Straße 23, wurden von einer jungen Schauspielerin eingelesen und können in einer Video-Sequenz aufgerufen werden. Mit der Übergabe des Tagebuchs schließt sich jetzt ein Kreis. Das Original ging nach dem Tod von Ruth Elcott an ihren Enkel Noah. Die damals 14-Jährige richtete sich auf dem Vorblatt direkt an ihre Nachfahren: ,Die Zeit ist so schwer, wie ich nicht hier rein schreiben kann. Vielleicht seit ihr dann, was ich von Herzen wünsche, in Palästina, dem Land unserer Hoffnung. Vielleicht seit ihr auch mit beschäftigt an der großen Arbeit, an der sich jeder gesunde, arbeitskräftige Jude beteiligen soll!'

Mit Palästina wurde es nichts, aber gemeinsam mit ihrem fantastischen Mann Eddy gründete eine sie eine große, glückliche, jüdische Familie in den USA. Fast hätte das Paar den 75. Hochzeitstag erreicht. In dem Sinne besiegte die unglaubliche Ruth Elcott am Ende Adolf Hitler."

(RP)
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