Krefeld: Ein Traum aus fuchsiarotem Seidensamt ist nun im Museum

Krefeld: Ein Traum aus fuchsiarotem Seidensamt ist nun im Museum

Vor 60 Jahren hat sich Marita Schrimpf eine Designer-Stola gekauft. Jetzt hat sie das schöne Stück dem Textilmuseum gespendet. In der laufenden Mode-Ausstellung ist die Stola zurzeit zu sehen.

Heute hängt die Stola von Marita Schrimpf auf einer Büste im Deutschen Textilmuseum. Sie ist dort Teil der Ausstellung von Mode der 50er bis 70er Jahre des 20. Jahrhunderts, die dort bis zum 18. Mai zu sehen ist. Zwischen Cocktailkleidern, Hosenanzügen und allerlei Accessoires hängt sie - mit Taft abgefütterte fuchsiarote Seidensamtstola vom Berliner Designer Detlev Albers.

Für Schrimpf ist die Stola natürlich weit mehr als ein Modeobjekt. 1957 erwarb sie das Stück und erlebte viel mit ihm. "Damals", berichtet die 83-Jährige "habe ich die Stola gekauft, weil ich zum Sportlerball eingeladen war." Sündhaft teuer sei sie gewesen, aber: "Mit 22 Jahren macht man solche Sachen." Lachend kramt sie in einer Tüte mit alten Fotos. Dabei holt sie auch eine Eintrittskarte heraus. "Das war der Sportlerball 1957. Damals fand er in Dortmund statt, und wir hatten eine Einladung", berichtet sie. Wir, das war sie mit ihrem damaligen Lebensgefährten. Ihren vor vier Jahren verstorbenen Mann lernte sie erst später kennen. Auf der Eintrittskarte ist zu lesen, dass Cocktailkleid und Anzug anzulegen seien. "Ich hatte ein schönes Kleid, aber irgendwie fehlte etwas, und dafür habe ich die Stola gekauft", erzählt sie.

Dann erzählt sie vom Ball. Armin Hary, 1960 in Rom Olympiasieger in Weltrekordzeit, war da. Auch Heinz Fütterer, 1956 Olympia-Dritter in der Staffel. "Mit ihm habe ich auf dem Ball sogar getanzt," erzählt Schrimpf und lächelt. Dann dreht sie die Karte um. Darauf ist eine Unterschrift. "Wissen Sie wer das ist?", fragt sie. Es handelt sich um ein Autogramm der deutschen Boxlegende Max Schmeling. Auch er war damals auf dem Ball. Die liebenswerte und gesprächsfreudige Rentnerin berichtet: "Mein Vater hatte ihn zuvor in Berlin getroffen. Darauf sprach ich ihn an, und er gab mir das Autogramm. Max Schmeling war damals eine echte Größe im deutschen Sport. Seinen Kampf gegen Joe Louis kannte wohl jeder. Heute hätte ich wohl ein Selfie mit ihm gemacht", fährt sie lachend fort.

Später trug sie die Stola bei vielen anderen Anlässen. Sie zeigt Bilder von Empfängen und Geschäftsterminen ihres Mannes. Der war im Management bei Thyssen und wurde in den 70ern nach Krefeld versetzt. Damals bekam die Familie ein preiswertes Grundstück in Forstwald angeboten und griff zu. Der Mann wollte zeitlebens eigentlich zurück nach Westfalen. Die Rheinische Lebensart war ihm immer etwas suspekt. "Aber wir hatten hier Wurzeln geschlagen, und ich wollte nicht mehr zurück. Auch, weil das Haus sehr schön ist. Die Kinder waren hier in der Schule. Wir sind jetzt schon 40 Jahre in Krefeld."

Überhaupt führte MaritaSchrimpf, die von ihren Freunden Rita gerufen wird, ein bewegtes Leben. Geboren in Pommern, kam sie als Flüchtling nach dem Krieg über Thüringen nach Westfalen. Ausgegrenzt und gehänselt wie so viele Flüchtlinge damals, musste sie sich alles hart erarbeiten. In den 50ern arbeitete sie als Bankangestellte, bis sie heiratete und Mutter wurde. Ihre Tochter verstarb noch vor dem Ehemann an den Folgen einer schweren Erkrankung. Der Mann folgte etwas später. Die Söhne und Enkel bilden heute ihr Lebenselixier.

Und bei allen Stationen war die Stola immer irgendwie dabei. Trotzdem spendete sie diese gern. Nur eins bedauert sie: die Präsentation im Museum. "Es ist kaum zu sehen, dass es eine Stola ist. Leider sagen die Verantwortlichen, dass sie es nicht mehr ändern könnten. Das finde ich traurig." Als sie in der Ausstellung war, erzählte sie anderen Besuchern von ihrer Geschichte mit dem edlen Textil. "Die fragten mich dann, ob ich nicht stehen bleiben und es allen Leuten erzählen wollte", sie lacht. Zuzutrauen wäre ihr sogar, das zu tun. Zumal sie mit ihrem 83 Jahren erstaunlich frisch und jugendlich wirkt. Sie erzählt ihre Geschichten gern - oft auch nachdenkliche.

Aber ein Stück weit wandern diese nun mit der Stola ins Museum. Ein bewegtes, interessantes Leben geht mit.

(RP)