Krefelder Friedensstifter: "Auch Täter brauchen Empathie"

Krefelder Friedensstifter: "Auch Täter brauchen Empathie"

Sozialpädagoge Joachim Watzlawik arbeitet mit Schülern des Gymnasiums Fabritianum in Krefeld in einem Fünf-Jahres-Programm. Es geht darum, Frieden zu lernen.

Frieden fällt nicht vom Himmel. Frieden ist Arbeit. Dafür muss der Mensch jahrelang und immer wieder neu üben. Das ist die Erfahrung von Joachim Watzlawik. Der Sozialpädagoge leitet am Gymnasium Fabritianum ein Programm, das auf fünf Jahre ausgelegt ist - eine Art Konfliktschule für Fünft- bis Zehntklässler. Und nicht nur für die Schüler. "Auch die Lehrer und die Eltern werden aktiv einbezogen.

"Es ist eine Herausforderung, eine Konfliktkultur zu schaffen, in der auch unangenehme Dinge angesprochen werden", sagt er. Und deshalb wird er auch Eltern gegenüber persönlich. "Natürlich ist es den meisten unangenehm, wenn ich frage, was bei ihnen zuhause los ist. Aber es wichtig, zu wissen, ob vielleicht gerade eine Trennung ansteht oder finanzielle Probleme belasten. Dann lässt sich das Verhalten der Kinder besser einschätzen."

Erlebnispädagogik nennt sich Watzlawiks Arbeitsweise. Über gemeinsame Erlebnisse - vom Klettern übers Spiel bis zur Reise - soll nicht nur die Gruppenfähigkeit gestärkt werden, sondern auch das Selbstwertgefühl und die Selbsteinschätzung der Schüler. "Wer selbstbewusst ist, braucht keinen Konflikt, um sich zu beweisen", sagt der Pädagoge.

Außergewöhnliche Situationen erfordern Teamgeist

Aus seiner früheren Arbeit mir verhaltensauffälligen und erziehungsschwierigen Jugendlichen weiß er, dass sich in außergewöhnlichen Situationen ein Teamgeist herausbildet, den dort vorher niemand vermutet hat. "Wenn der Ruf nach dem Konfliktexperten laut wird, ist die Situation ja oft schon verfahren. Und es ist ein Irrglaube, dass die Klassenfahrt oder der Urlaub Probleme richten werden oder an Weihnachten alles gut wird. Gerade dann eskaliert es." Der Schlüssel zum Frieden ist für ihn ganz klar: "Jeder hat das Recht, gehört zu werden."

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Daran arbeiten die Schüler in Klein- und Tischgruppen. "Das macht für mich etwa 150 Stunden pro Halbjahr aus", sagt Watzlawik. Pro Jahrgangsstufe gibt es spezielle Ausflüge, vom Tag auf dem Pferdehof bis zum Segeltörn, den Watzlawik die soziale Reifeprüfung nennt. Das Gruppenprogramm beginnt in Klasse 5. Durch den Schulwechsel sind die Mädchen und Jungen aus gewohnten Strukturen herausgerissen und müssen ihren Platz in der Klasse neu finden. "Wer mit wem eine Gruppe bildet, losen wir aus. Darauf haben die Kinder keinen Einfluss. Denn Ziel ist es, dass jeder mit jedem zurechtkommen muss." Goldene Regel: "Och nee, mit dem nicht" oder Bezeichnungen wie "Loser" sind hier tabu.

"Jeweils zwei Kinder interviewen einander, lernen sich kennen und stellen ihren Partner den anderen vor. Da geht es auch um Fragen wie: Wovor hast du Angst? Für viele Kinder ist es das erste Mal, dass sie sich so öffnen", erzählt Watzlawik. So entsteht Respekt. In Gruppenspielen erfahren sie dann, dass nicht immer der große Wortführer auch der klügste Problemlöser ist.

"Wer Probleme macht, hat meist selbst welche"

Und über die Zeit lernen alle, Aufgaben gemeinsam anzugehen und Schwierigkeiten selbst zu lösen. Klingt paradiesisch. "Ja, es gibt immer auch Ausreißer, wo man disziplinarisch eingreifen muss. Nach den Ferien ist oft auch manches vergessen, was wir vorher erarbeitet haben. Aber in der Regel entsteht in den Gruppen ein so gutes Klima, dass die das allein regeln. Es ist beeindruckend, wenn ein Zwölfjähriger einem Kameraden sagt: Was ist denn jetzt dein Problem?" Eine Grundregel für den Umgang: "Wir hören auch in den ,Täter' rein, fragen, warum er das macht und zeigen ihm, dass wir ihn nicht allein lassen. Empathie für den Täter ist wichtig. Wer Probleme macht, hat meist selbst welche."

Die Regel habe sich auch bei Mobbingfällen bewährt. "Da haben die Klassenkameraden einen Brief an den Anstifter geschrieben, ihm erklärt, dass er ihren Freund verletze, dass er aber auch auf sie zählen könne." Die Frage "Wie können wir dir helfen" habe dem Aufwiegler den Wind aus den Segeln genommen. Doch solches Verhalten braucht Unterstützung in und außerhalb der Schule. "Lehrer und Eltern müssen diese Schulwerte mitunterschreiben", sagt Watzlawik.

(RP)