Wehrhahn: Anschlag zu den Akten

Wehrhahn : Anschlag zu den Akten

Vor neun Jahren explodierte an der Ackerstraße ein bis heute nicht identifizierter Sprengsatz, verletzte zehn Menschen teils lebensgefährlich. Ein Täter wurde nie gefasst. Weil Chefermittler Dietmar Wixfort das Düsseldorfer Präsidium verlässt, hat er den Fall jetzt als ungelöst abgegeben.

Es ist eine frustrierende Lektüre. Der Abschlussbericht der Akte Ackerstraße ist 80 Seiten dick. Sie dokumentieren die akribische Arbeit der Ermittlungskommission (EK) Acker. Mehr als 342 Spuren sind die bis zu 50 Fahnder nachgegangen. Mehr als 1300 Passanten haben sie befragt, jeden Hinweis geprüft. Und doch steht auf keiner der 80 Seiten, wer warum und wie am 27. Juli 2000 am Eingang zum S-Bahnhof Wehrhahn den Sprengsatz zündete, der zehn Menschen teils lebensgefährlich verletzte und ein ungeborenes Kind tötete.

"Unglaublich, was wir alles getan haben", sagt Staatsanwalt Ralf Herrenbrück, der das Ermittlungsverfahren einige Monate nach dem Anschlag übernommen hat. Da war ein Spezialgerät aus den USA eingeflogen worden, um auf dem Gelände des S-Bahnhofs den Zünder zu suchen. Phantombilder zweier möglicher Zeugen wurden in Moskau in der U-Bahn aufgehängt, und Kriminaltechniker haben herausgefunden, woher die Plastiktüte stammt, in der der Sprengsatz am Geländer deponiert war. Sie haben sogar herausgefunden, was noch alles darin gewesen ist. Das gehört zu den Dingen, über die der Staatsanwalt nicht sprechen darf, weil er immer noch hofft, sie irgendwann von einem Täter zu hören.

Diese Hoffnung hat auch Dietmar Wixfort nicht aufgegeben. Auch wenn er nicht derjenige sein wird, der diesen Täter dann vernehmen wird. Der Chef der EK Acker, deren einziges Mitglied er zuletzt war, verlässt nach 18 Jahren im Kommissariat 11 für Todesermittlungen das Polizeipräsidium. In Neuss wird er ab September das entsprechende Kommissariat leiten. Er freut sich auf den neuen Job. Aber wenn es den nicht gäbe, hätte er die Akte Acker kaum zugemacht.

Ebenso wenig wie die von Debbie Sassen, dem Schulmädchen, das 1996 auf dem Heimweg in Wersten spurlos verschwand. Ihre Akte zu schließen, hat Wixfort vor ein paar Jahren gesagt, "würde mir so etwas wie ein schlechtes Gewissen bereiten". Nun, da es so weit ist, ist es "ein sehr blödes Gefühl. Ich hätte die Fälle lieber geklärt abgegeben."

Nun wird einer seiner Kollegen die Hinweise prüfen müssen, die immer noch, wenn auch ganz selten, auf Debbie eingehen. Mit dem Wehrhahn-Anschlag werden sie weniger zu tun haben. "Seit Jahren gab es nicht einen Hinweis mehr."

Die EK Acker, die fast alles rekonstruiert hat, was am 27. Juli 2000 auf dem S-Bahnhof und an der Ackerstraße geschehen ist, weiß auch eine Menge über den Sprengsatz. Ein Eigenbau, für den leicht verunreinigtes Trinitrotoluol (TNT) benutzt wurde — vermutlich aus einem militärischen Sprengstoffbestand in irgendeinem ehemaligen Ostblockstaat. Über den Zünder, den der Bombenbastler nutzte, ist dagegen nichts bekannt.

Auch ein Motiv hat sich nie ermitteln lassen. Über die zehn Opfer war oft spekuliert worden. Sie alle sind aus den ehemaligen GUS-Staaten übergesiedelt und gehören der jüdischen Gemeinde an. Wurden sie auf dem Heimweg von der Sprachschule gezielt als Opfer ausgewählt? Oder war es ein grausamer Zufall? Staatsanwalt Ralf Herrenbrück schließt zumindest einen politisch motivierten Anschlag inzwischen fast völlig aus. "Dagegen spricht, dass es nie ein Bekennerschreiben gegeben hat."

Mit dem Abschlussbericht hat Wixfort Herrenbrück rund 50 Kisten mit der gesamten Akte Acker geschickt. Die werden demnächst archiviert. Und sofort geholt, wenn es einen neuen Ansatz gibt. "Nicht unmöglich", sagt der Staatsanwalt. Schließlich ist die Belohnung — umgerechnet rund 60 000 Euro — außergewöhnlich hoch. "Vielleicht redet irgendwann ja doch ein Mitwisser."

(RP)
Mehr von RP ONLINE