Hannelore Riesner im Interview: "41 Stifter fördern 260 Studenten der Uni"

Hannelore Riesner im Interview : "41 Stifter fördern 260 Studenten der Uni"

Die Stipendienbotschafterin der Heinrich-Heine-Universität spricht über die Wichtigkeit, talentierte Studenten zu fördern, und über den bundesweiten Erfolg beim Anwerben von Stiftern, die Studenten mit Deutschlandstipendien unterstützen.

Frau Riesner, die Uni Düsseldorf gehört zu den erfolgreichsten Hochschulen bei der Vergabe der Deutschlandstipendien. Finanziert werden die Stipendien zur Hälfte vom Bund, zur anderen Hälfte von privaten Stiftern, die die Unis selber akquirieren. Was ist Ihr Erfolgskonzept?

Riesner Ich bin selbst sehr überzeugt von unserem Programm "Chancen nutzen — das Deutschlandstipendium an der HHU" und kann gut zwischen Universität, Studierenden sowie Stifterinnen und Stiftern vermitteln, weil ich seit mehr als 30 Jahren im universitären Bereich arbeite, selber Stipendien-Stifterin bin und die Situation der Studierenden kenne — ich habe Biologie studiert und habe erfahren, wie schwer ein Studium unter besonderen Bedingungen, zum Beispiel mit Kind, sein kann.

Wie gehen Sie konkret vor?

Riesner Jedes Stipendium ist wichtig, denn hinter jedem steht ein Mensch, der ein Recht darauf hat, dass seine besonderen Talente gefördert werden. Diese Motivation versuche ich auf Andere zu übertragen und Stifter zu gewinnen: in Vorträgen oder auch bei kulturellen und gesellschaftlichen Treffen. Und wir laden zu uns an die Universität ein, etwa zum Tag der Wissenschaft, um Berührungsängste abzubauen.

Nach welchen Kriterien werden die Studenten ausgewählt?

Riesner Beim Deutschlandstipendium nimmt eine Kommission die Auswahl vor, die sich aus Prorektoren, Studiendekanen und Studierenden aus den Fachschaften zusammensetzt. Dieses Stipendium ist ein Leistungsstipendium. Es werden also sehr engagierte Studierende gefördert, was durch sehr gute Noten von der Schule, die gerade verlassen wurde, oder im Studium nachgewiesen werden kann. Außerdem spielt gesellschaftliches Engagement eine große Rolle.

Kritiker bemängeln, dass mit den Deutschlandstipendien vor allem Studenten gefördert werden, die die finanzielle Unterstützung gar nicht brauchen.

Riesner Es gibt eine große Zahl von Stipendienprogrammen, die wir betreuen und an Studierende vermitteln. Das Deutschlandstipendium ist nur eines davon. Dieses Stipendienprogramm will begabte Studierende fördern, andere fokussieren Bedürftigkeit. Es ist wichtig für die Gesellschaft, nicht nur die zu unterstützen, die Hilfe brauchen, sondern auch Talente. Es wäre ungerecht, talentierte Menschen nicht zu fördern.

Auf bundesweiter Ebene sind rund 47 Prozent aller Stipendiaten weiblich. Ein Großteil der geförderten Studenten studiert Wirtschaft, Jura oder Ingenieurswissenschaften. Wie ist das in Düsseldorf?

Riesner Da kann ich Sie überraschen: Mehr als 60 Prozent unserer "Chancen-nutzen"-Stipendiaten sind weiblich. Und, unsere Stipendiaten sind auf die unterschiedlichen Fachbereiche verteilt, finden sich auch in den Geisteswissenschaften, die im bundesweiten Vergleich eher unterrepräsentiert sind. Das hängt damit zusammen, dass die Stifter hier in Düsseldorf ganz allgemein Talente fördern wollen.

Wer engagiert sich als Stifter?

Riesner Da stehen ganz persönliche Gründe und Erwartungen im Vordergrund. Einige, die heute stiften, wurden selber im Studium unterstützt und wollen nun, da sie erfolgreich im Beruf stehen, etwas zurückgeben. Einige wollen sich generell für Bildung engagieren, so wie andere sich für Kunst oder Kultur engagieren. Die soziale Herkunft der Stifterinnen und Stifter spielt dabei keine Rolle, bei uns engagieren sich Handwerker genauso wie Akademiker. Die Bezeichnung "Stifter" oder "Stifterin" erweckt den Eindruck, dass man sehr vermögend sein muss. Doch beim Deutschlandstipendium kann man schon mit einem vergleichsweise niedrigen Betrag dabei sein: Wer sich bereit erklärt, ein Jahr lang eine Studierende oder einen Studierenden mit 150 Euro monatlich zu unterstützen, leistet einen großen Beitrag für unsere Gesellschaft.

Sie selbst unterstützen auch mehrere Studenten.

Riesner Mein Mann und ich betrachten das als ein Geschenk, das wir den Studierenden machen. Die freuen sich sehr über die Anerkennung ihrer Leistungen. Ich lade jeden dazu ein, der als Stifterin oder Stifter diese Freude teilen möchte, sich gemeinsam mit uns zu engagieren. Es ist ein tolles Gefühl.

An anderen Hochschulen soll es Kungeleien geben; es heißt, dass einige Unternehmen selber entscheiden wollen, welchen Studenten sie unterstützen, dass sie vor allem Studenten aus Fachbereichen fördern wollen, die der eigenen Unternehmensbranche nahestehen.

Riesner Auf Düsseldorf trifft so etwas nicht zu, zumal die Mehrzahl unserer Stifterinnen und Stifter Privatpersonen, Stiftungen oder Vereine sind.

Wie viele Studenten werden zurzeit gefördert?

Riesner Wir haben zurzeit im "Chancen nutzen"-Programm 41 Stifterinnen und Stifter, die 260 Studierende unterstützen.

Wie genau entsteht der Kontakt zwischen Student und Stifter?

Riesner Ein zentrales Element des Programms ist es, dass sich Stifterinnen und Stifter sowie Stipendiat kennenlernen. Jedes Stipendium hat ein Gesicht. Wir schaffen mit Treffen und gemeinsamen Unternehmungen den Rahmen dafür. Das kann ein gemeinsamer Besuch einer Ausstellung oder ein Treffen sein, bei dem eine Studienarbeit präsentiert oder interdisziplinär diskutiert wird. Beide Seiten geben sich die Möglichkeit, mehr über ihre Arbeit und den Menschen dahinter zu erfahren. Es ist doch schön, wenn eine solche Verbindung auch nach dem Studium bestehen bleibt.

Bundesweit lief das Stipendienprogramm, das es seit 2011 gibt, sehr schleppend an. Von den 388 teilnahmeberechtigten Hochschulen nehmen gerade einmal 263 teil; Fördergelder in Millionenhöhe wurden und werden nicht ausgeschüttet. Wie erklären Sie sich das?

Riesner Man darf bei einer solchen Sache nicht nur den nötigen Aufwand betrachten. Natürlich ist der da. Der gesellschaftliche Nutzen und die Vorteile für die Hochschule überwiegen jedoch. Ich denke, das wird sich mit der Fortdauer dieses Programms immer stärker zeigen und die, die jetzt noch zweifeln, überzeugen.

Wie meinen Sie das?

Riesner Der Erfolg stärkt das Selbstbewusstsein der Universitäten und fördert die Kontakte in der Stadt und der Region. Düsseldorf ist nicht nur Mode- und Kulturstadt, sondern auch Universitätsstadt. Das wird mit dem Erfolg beim Stipendienprogramm deutlich. Und die Universität will gut ausgebildete Studierende entlassen. Wenn die Absolventen an ihre Zeit an der HHU zurückdenken, sollen sie sich daran erinnern, wie gut sie bei uns gefördert wurden.Es geht auch um die langfristige Bindung von Ehemaligen an die Universität. Einige Studierende bleiben vielleicht auch nach dem Studium an der Universität, andere machen woanders Karriere und die HHU als gutes Ausbildungszentrum bekannt. So eine Bindung kann nicht verordnet werden, sondern ist emotional verankert. Ich wünsche mir, dass auch aus dem Kreis der Alumni immer mehr später der Universität etwas zurückgeben und Stifter oder Stifterin werden, vielleicht sogar Stipendienbotschafter!

SEMIHA ÜNLÜ FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

(RP/ila)