Hünxe: Die Narben auf der Seele bleiben

Hünxe: Die Narben auf der Seele bleiben

Moralische Schuld trifft viele Lebensgefährliche Verletzungen zog sich die damals achtjährige Zeinab Saado bei einem Brandanschlag auf das Asylbewerberheim an der Dorstener Straße zu, ihre Schwester Mukades erlitt ebenfalls schwere Verletzungen. Beide Mädchen überlebten die Gewalttat dreier Jugendlicher.

Deutschland im Herbst 1991: Vom 17. bis 23. September ist die sächsische Kreisstadt Hoyerswerda Schauplatz rassistischer Übergriffe und ausländerfeindlicher Demonstrationen, bei denen insgesamt 32 Menschen verletzt werden.

Pfarrer Martin Duscha, Superintendent des evangelischen Kirchenkreises Dinslaken, vor der Gedenktafel des Hauses an der Dorstener Straße 44, in dem die zwei Mädchen schwer verletzt worden sind. Foto: Martin Büttner

Die Bilder der Gewalt haben die Bürger aus dem gesamten Bundesgebiet noch vor Augen, als nur zehn Tage später in der beschaulichen Gemeinde Hünxe das zuvor Undenkbare passiert. Drei Jugendliche aus dem Ort, alkoholisiert, wie sich später herausstellt, werfen in der Nacht des 3. Oktobers 1991 gegen 1.15 Uhr einen Brandsatz in das Haus an der Dorstener Straße 44, ein Wohnheim für Asylbewerber. Damit erreicht eine Serie von bundesweiten Anschlägen gegen Ausländer ihren vorläufigen Höhepunkt.

Ein Drittel der Haut verbrannt

Im Zimmer im Erdgeschoss des Hauses schlafen vier libanesische Kinder. Zwei von ihnen kommen mit leichten Blessuren und einer ambulanten Behandlung in einem Dinslakener Krankenhaus davon. Nicht so Mukades und Zeinab Saado, damals sechs und acht Jahre alt.

Die jüngere Tochter des Ehepaares Faouzi und Zeibede Saado erleidet schwere Verbrennungen im Gesicht und an den Händen, kommt in die Duisburger Unfallklinik in Wedau. Noch schlimmer trifft es Zeinab, die wegen lebensgefährlicher Verbrennungen mit einem Hubschrauber in eine Hamburger Spezialklinik eingeliefert wird. Wie sich später herausstellte, ist ein Drittel ihrer Haut verbrannt.

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Für die mehr als 50 Asylbewerber und Aussiedler beginnen Wochen voller Sorge, wie der Hünxer Pfarrer Martin Duscha rückblickend berichtet. "Es herrschte ein Riesen-Chaos auf der Straße, eine Stimmung voller Angst. Da mussten wir aus der Not heraus erst einmal etwas organisieren, was zum Glück relativ unbürokratisch vonstatten ging", erinnert sich der heutige Superintendent des evangelischen Kirchenkreises Dinslaken.

Auch auf die Gemeinde selbst prasselt einiges ein. Aus der zuvor als idyllisches kleines Dorf wahrgenommenen Kommune wird eine "Insel der Gewalt", so Duscha. "Diese pauschale Schuldzuweisung war an der Realität vorbei, passte aber zu der bundesweit aufgeheizten Stimmung.

Es war eine echte Gratwanderung, in dieser schwierigen Situation nach der Verantwortung zu fragen", berichtet Duscha. Selbst die Kirche steht mehrfach in der Schusslinie, etwa als Duscha öffentlich erklärt, dass zwei der drei Täter den Konfirmandenunterricht bei ihm besucht haben.

Die drei 18-jährigen Täter sind schnell gefunden. Im Mai 1992 verurteilt sie das Duisburger Landgericht wegen schwerer Brandstiftung und Körperverletzung zu Haftstrafen zwischen dreieinhalb und fünf Jahren. Im Oktober 1993 folgt ein Urteil der 1. Zivilkammer des Duisburger Landgerichts, nach dem die drei Täter den beiden Opfern ein Schmerzensgeld von 255 000 D-Mark zahlen müssen. Davon sind 180 000 D-Mark für Zeinab bestimmt, die zudem bis zu ihrem 18. Lebensjahr eine Rente von 360 D-Mark erhalten soll. Das übrige Geld geht an ihre Schwester Mukades.

Zu dem Gedenkgottesdienst anlässlich des zehnten Jahrestages des Brandanschlag reisen Zeinab und Mukades Saado, die heute in Duisburg leben, noch mit ihrer Familie an. Diesmal werden sie nicht zugegen sein. Sind die körperlichen Wunden der Tat auch noch so gut verheilt — die Narben auf der Seele bleiben.

(seba)
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