Mönchengladbach Evangelische Hauptkirche Rheydt Schwere Erkrankung einer alten Dame

Die Evangelische Hauptkirche in Rheydt leidet an Korrosion. Die Sanierung wird Millionen kosten. Es gilt, einen Ort des Lebens zu retten, mein Pfarrer Olaf Nöller.

 Die Kirche in Rheydt.

Die Kirche in Rheydt.

Foto: Gabi Peters

Offen gestanden, ich schlafe derzeit nicht gut. Der Grund? Eine feine, alte Dame, die ich seit meiner Taufe im Dezember 1958 kenne, ist schwer erkrankt. Sie macht mir große Sorgen! Es ist nicht das Corona-Virus, an dem sie erkankt ist, sie leidet unter Korrosion. Das ist eine tückische „Krankheit“, die im Herbst diagnostiziert wurde. Über Jahrzehnte hat sie sich entwickelt. Korrosion, mit anderen Worten: das Rosten von Eisen, führt dazu, dass selbst stärkste Basaltsäulen oder Sandsteinkapitelle auseinanderplatzen und dann als Brocken an der Außenfassade abstürzen. Das bedroht nicht nur Menschenleben, sondern auch den Baukörper selbst.

Diese schlimme Erkrankung geht aber noch weiter. Im April wurde festgestellt, dass „the old Lady“, wie sie von manchen auch liebevoll genannt wird, bald schon ihren eleganten Hut verlieren wird, den sie seit 119 Jahren mit Stolz trägt. Es geht um die schlanke Turmspitze, die das Stadtbild von Rheydt und auch die Silhouette von Mönchengladbach ziert. Im Laufe der nächsten Wochen wird sie Stück für Stück bis auf die Kuppel abgebaut und heruntergeholt werden.

Den Anfang macht das Turmkreuz nach Pfingsten. Auch hier ist es die Korrosion, die der 120 Jahre alten Stahlkonstruktion zusetzt und sie geschwächt hat. Die feine, alte Dame, ist – wie Sie längst wissen – die Evangelische Hauptkirche in Rheydt, die seit der Eröffnung 1902 zwei Weltkriege überstand und Generationen von Menschen kommen und gehen sah. Darum gibt es auch viel Mitgefühl.

Die „Diagnose“ macht eine äußerst kostspielige Therapie erforderlich, die Jahre andauern wird. Mut, Zuversicht und auch die Tatkraft vieler ist gefragt. Menschen, die die „Lady“ mögen oder sie vielleicht sogar lieb haben? Ich gehöre zu den letzteren. Seit der Taufe meiner Schwester beeindruckt sie mich. Ein außergewöhnlicher Raum für ein damals sechsjähriges Kind, aber auch für einen erwachsenen Menschen, der Sinn für Form und Maß hat. Kennen Sie die Hauptkirche von innen? Wenn nicht, dann wird es aber höchste Zeit! 21 Jahre haben wir sie innen so herausgeputzt, dass sie wieder ihr elegantes Jugendstil-Kleid trägt, das ihr der Architekt Johannes Otzen einst zugedacht hatte. Überdies zieren neue, moderne Fenster von Thomas Kuzio die Kirche.

Und dann die Musik! Wenn die restaurierte Wilhelm-Sauer-Orgel von 1902 aufspielt, geht das unter die Haut. Jeder und jede, gleich welcher Weltanschauung oder Religion, ist willkommen. Die alte Dame umschließt alle mit ihren offenen Armen, den traurigen und den frohen Menschen. Sie lädt den Getriebenen ein, zur Ruhe zu kommen, und Suchende, mal wieder die religiöse Antenne auszufahren: „Ist da noch jemand?“

All das ist noch möglich, denn die Hauptkirche ist weiter geöffnet und innerlich auch nicht gefährdet. Nur ihr Äußeres hat Schaden genommen. Nach allen Notsicherungen, die der Gefahrenabwehr dienen, muss so bald wie möglich die Sanierung beginnen. Sie wird etliche Millionen Euro verschlingen.

Da die Evangelische Kirchengemeinde Rheydt diese Summen nicht alleine aufbringen kann, hoffen wir auf staatliche Hilfe und die Unterstützung vieler Bewohner und Bewohnerinnen dieser Stadt, die bereit sind ihr „Scherflein“ dazuzugeben oder unseren „Bauverein Ev. Hauptkirche Rheydt e.V.“ zu unterstützen.

Unser früherer Bundespräsident Richard von Weizsäcker sagte einmal: „In einer seelenlosen Betonlandschaft … gedeiht Verantwortungsgefühl für den Nächsten und ein Bewusstsein um den Wert der menschlichen Existenz weitaus schwerer. Steine, in denen die Geschichte atmet, Bauwerke, die von Generationen vor uns zu erzählen vermögen, lassen uns dagegen die Wurzeln unseres eigenen Lebens spüren. An solchen Orten tanken wir auf, hier finden wir Kraft für unser eigenes Leben.“  Was denken Sie, hatte er nicht recht damit?

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