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Dinslaken: 19 Steine für die Nazi-Opfer

Dinslaken : 19 Steine für die Nazi-Opfer

Künstler Gunter Demnig hat in Dinslaken die ersten Stolpersteine verlegt – davon 16 symbolisch. Einzementieren konnte er wegen der Kälte nur drei, die anderen folgen später. Die Steine erinnern an von Nazis ermordete Juden.

Künstler Gunter Demnig hat in Dinslaken die ersten Stolpersteine verlegt — davon 16 symbolisch. Einzementieren konnte er wegen der Kälte nur drei, die anderen folgen später. Die Steine erinnern an von Nazis ermordete Juden.

Der erste Stein ist für Leopold Strauß. Der Rabbi und Rektor der jüdischen Volksschule in Dinslaken wohnte an der Duisburger Straße 100. Vor 63 Jahren fielen die Nazis über ihn her, schlugen ihn zusammen und verwüsteten seine Wohnung.

Strauß überlebte schwer verletzt, ein Jahr später starb er. Die gut 200 Menschen, die sich gestern Morgen vor seinem Haus versammeln — darunter Schüler, Lehrer, Kirchenvertreter, Politiker und viele ältere Bürger —, sind gekommen, um einen historischen Augenblick zu erleben. Sie werden Zeuge, wie ein Stück Erinnerungskultur im Dinslakener Alltag verankert wird.

Frostschutzmittel im Beton

Es ist kurz vor zehn, als der Kölner Bildhauer Gunter Demnig (64) den Schlagbohrer in eine Gehwegplatte direkt vor der Haustür treibt. Die Feinarbeit besorgt er mit Hammer und Meißel. Mit der Maurerkelle hebt er Erde aus. Der Schnellbeton ist mit Frostschutzmittel versetzt.

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Der Stein passt. Über 33 000 dieser Stolpersteine hat Demnig in bislang 716 deutschen Städten und Gemeinden verlegt. Für den 64-Jährigen ist der Gedenkstein für Leopold Strauß nur ein kleiner Teil seines großen Gesamtkunstwerks. Für Dinslaken ist er etwas Besonderes. Wie die anderen 18, die an diesem Morgen verlegt werden, erinnert er an den Pogrom von 1938, ist Mahnung, dass sich Verbrechen wie sie damals an Juden begangen wurden, nicht wiederholen dürfen.

Und er ist der erste von vielen, die noch folgen sollen. "Diese Stolpersteine werden uns für viele Jahre beschäftigen", sagt Anne Prior, Initiatorin der Aktion. Sie fühlt sich "richtig gut und erleichtert, dass alles so gut klappt". Bürgermeister Dr. Michael Heidinger betont die Bedeutung der Steine. "Menschen brauchen den geschichtlichen Hintergrund, um zu leben. Ohne Herkunft gibt es keine Zukunft. Deshalb müssen wir über Geschichte stolpern. Möge die Erinnerung bei der Gestaltung der Zukunft helfen."

Die Schüler des Berufskollegs hören besonders aufmerksam zu. Sie haben die Patenschaft für den ersten Stolperstein übernommen. Das hat einen Grund: 20 bis 30 Jugendliche ihrer Schule hatten sich am 10. November 1938 an den Ausschreitungen gegen Leopold Strauß beteiligt. Der damalige Direktor der Berufsschule, Erich Hildebrandt, hatte sie dazu angestachelt. Zur Belohnung gab es schulfrei.

In einer kurzen Spielszene holen die Schüler des Berufskollegs das Verbrechen in die Gegenwart zurück. Ein Tor — dem des KZ Auschwitz nachempfunden — haben sie mitgebracht, weiße Masken und Kerzen. "Heil Hitler!" tönt es über die Köpfe der Menge hinweg. Erich Hildebrandt ist plötzlich wieder da, schreit und wiegelt auf, hetzt gegen die Juden. Eine bedrückende Szene. Es ist gut, dass die Schüler sie mit einem "Shalom!" beenden.

(RP)