Münster: Provinzial-Chef stand unter extremem Druck

Münster: Provinzial-Chef stand unter extremem Druck

Nach der überraschenden Wende im Fall Ulrich Rüther wird über die Motive des Managers für die Selbstverletzung spekuliert.

Wen immer man gestern nach einer Einschätzung zu Ulrich Rüther gefragt hat – man bekam stets eine ähnliche Antwort: "ein tougher Typ", "jemand, den nichts aus der Ruhe bringt", "einer, der nicht so leicht die Nerven verliert", "absolut stabil". So einer sticht sich mit einem Phasenprüfer selbst mehrfach in die Brust, täuscht einen Angriff vor?

Seit dem vermeintlichen Angriff auf den Vorstandschef der Provinzial Nordwest in der vergangenen Woche war der Fall untersucht worden. Am Ende war der Manager, gegen den nun selbst wegen Vortäuschens einer Straftat ermittelt wird (vermutlich wird dieses Verfahren gegen Geldauflage eingestellt werden), bei Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft selbst in Verdacht geraten. Denn seine Aussage war nicht mehr glaubhaft: Warum hatte morgens um neun in der Tiefgarage kein einziger der befragten Provinzial-Mitarbeiter den vermeintlichen Angreifer gesehen? Warum geschah der angebliche Angriff ausgerechnet in einem Tiefgaragen-Bereich, der nicht videoüberwacht war? Warum mit einem Phasenprüfer, der gottlob nur leichte Muskelverletzungen im Brustbereich verursacht? Auf all diese Fragen der Polizei konnte Rüther schließlich keine schlüssigen Antworten geben. Am Ende räumte er ein, dass es den Angriff nicht gegeben habe.

Die überraschende Wende wirft Fragen auf. Im Umfeld des Unternehmens wird darüber spekuliert, dass Rüther sich und offenbar auch seine Familie enorm unter Druck gesehen habe. Immerhin gab es Überlegungen von Eigentümern, das Unternehmen an den Allianz-Konzern zu verkaufen, und gut eine Stunde nach dem Vorfall sollte Rüther in einer Betriebsversammlung die Mitarbeiter über den Stand der Dinge informieren. Ob er mit der Selbstverletzung versucht hat, dieser Veranstaltung auszuweichen, oder ob er sich von Eigentümern unter Druck gesetzt fühlte, bleibt offen.

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Geradezu rätselhaft mutet ein Interview in der Dienstagausgabe der "Westfälischen Nachrichten" an, in dem Rüther erklärt: "Die Schlagzeilen in den Medien hörten sich bedrohlicher an, als ich es selbst empfunden habe. Ein bisschen unterschätzt habe ich jedoch die Momente, in denen man ins Grübeln kommt und sich vorstellt, was wäre wenn. Doch Gott sei Dank ist ja alles relativ glimpflich verlaufen." Solche Äußerungen sorgen für Irritationen im Umfeld des Versicherungskonzerns Provinzial. Einerseits haben alle enormen Respekt vor einem Manager, dessen fachliche Kompetenz und dessen Fähigkeiten unbestritten sind, andererseits "hat er die Öffentlicheit, die Mitarbeiter und die Eigentümer belogen", wie es aus Unternehmenskreisen gestern hieß.

Automatisch stellt sich nun die Frage nach Rüthers Zukunft. Wolfgang Kirsch, der Chef des Landschaftsverbandes Westfalen/Lippe und Aufsichtsratsvorsitzender der Provinzial, wollte erst persönlich mit Rüther sprechen, ehe er eine Stellungnahme abgibt. Ob der Manager unter diesen Umständen auf seinem Posten bleiben kann, erscheint unklar. "Erstmal muss man mit ihm selbst reden. Aber nicht jetzt", hieß es gestern aus Aufsichtsratskreisen.

(RP)
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