Zehntausende in NRW beantragen kleinen Waffenschein

Gefragt wie nie : Zehntausende in NRW beantragen kleinen Waffenschein

Im vergangenen Jahr haben allein in Nordrhein-Westfalen zehntausende Menschen den kleinen Waffenschein beantragt und bekommen - wohl noch immer eine Folge der Silvesternacht 2015 in Köln. Experten warnen vor falscher Sicherheit und eskalierenden Situationen.

In Nordrhein-Westfalen stieg die Anzahl der Inhaber im vergangenen Jahr auf insgesamt 121.690, wie das NRW-Innenministerium mitteilte. Damit nahm die Zahl binnen eines Jahres um über 50.000 zu. 2015 hatten noch lediglich 70.757 Menschen das Dokument, das zum Tragen der oft täuschend echt aussehenden Schreckschuss- und Gaspistolen berechtigt.

Fachleute sehen diesen Boom sehr kritisch. Es werde dringend davon abgeraten, sich derart auszustatten, sagte eine Sprecherin des Düsseldorfer Innenministeriums. "Solche Waffen vermitteln nur eine Scheinsicherheit." In Konfliktsituationen sei es immer besser, auf sich aufmerksam zu machen. Mit Blick auf mögliche lebensbedrohende Verletzungen sagte die Sprecherin: "Das sind keine Spielzeuge."

Wer einen kleinen Waffenschein besitzt, darf Schreckschuss-, Reizstoff- und Signalwaffen verdeckt führen - und im Notfall damit schießen. Die Voraussetzung ist, dass der Bewerber volljährig ist und zuverlässig erscheint. Für den bloßen Kauf von Gas- oder Schreckschusswaffen braucht man keinen Schein.

In den Polizeibehörden waren vor allem Anfang 2016 nach der Kölner Silvesternacht die Schockwellen zu spüren. Im Dortmunder Polizeipräsidium etwa gingen allein im Januar 2016 insgesamt 812 Anträge für einen kleinen Waffenschein ein, im April dann nur noch 85. Bei der Bearbeitung gebe es noch Wartelisten, sagte ein Sprecher.

Die Polizei in Düsseldorf bearbeitete allein im Februar vorigen Jahres 610 Anträge auf einen kleinen Waffenschein, im Juli nur noch 40. Das Polizeipräsidium in Münster hat 2016 insgesamt 303 Erlaubnisse neu erteilt, 2015 waren es nur 45 gewesen. In Köln erhält die Polizei noch täglich Anfragen, sagte ein Sprecher. Inzwischen haben in Köln und Leverkusen 8488 Menschen einen kleinen Waffenschein, Ende 2015 waren es 4696.

Nach Information von Arnold Plickert, Chef der Gewerkschaft der Polizei in NRW, wollen viele Frauen das Dokument, um etwa eine Gaspistole dabeizuhaben. Er warnte wie andere Praktiker vor einer nur "subjektiven Sicherheit", die zur Eskalation einer Situation führen könne.

Ein Polizeisprecher in Dortmund betonte: "Man muss so einen Einsatz trainieren". Die Fachleute rieten zu Kursen in Selbstverteidigung und dem Einüben des richtigen Verhaltens.

(lnw/csr)
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