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Landfrauen in NRW: Ein Telefon für emotional geplagte Bäuerinnen

Landfrauen in NRW : Ein Telefon für emotional geplagte Bäuerinnen

Ärger mit der Schwiegermutter, Probleme bei der Hofübergabe, Existenznöte: Frauen vom Land plagen viele Sorgen Doch sie können mit kaum jemandem darüber sprechen. Das Landfrauentelefon NRW bietet anonyme Hilfe.

Wenn Ursula Peters* am Anfang des Telefonats nichts hört, weiß sie, dass sie dranbleiben muss. Viele Anrufer sind zunächst unsicher. "Ich weiß nicht, ob ich bei Ihnen richtig bin" - diesen Satz hört die 55-Jährige häufig. Es braucht Geduld und Zeit, bis die Frauen auf das eigentliche Problem zu sprechen kommen. Zuvor machen sie sich meist Luft über allgemeinen Ärger: Schimpfen über das Wetter oder die Agrarpolitik. Die wahren Sorgen müssen erst herausgefiltert werden. Wenn Ursula Peters die Frage stellt, ob die Bäuerin mit ihrem Mann darüber gesprochen hat, ist die Antwort oft, "mit dem kann ich nicht sprechen".

Jeden Mittag sitzen Ursula Peters, ihr Mann, die Kinder und Schwiegereltern zusammen am Tisch und reden - über das Wetter, über das Melken und die Kühe - aber nicht darüber, was sie persönlich bedrückt. "Wir arbeiten alle sehr viel, die Rollen sind rigide verteilt", sagt die 55-Jährige. "Wenn es Probleme gibt, dann stürzen sich viele Bauern lieber in noch mehr Arbeit." Den Männern vom Land falle es schwer, über Gefühle zu reden. Bei sachlichen Fragen wenden sich die Bauern an die Kammer oder den Verband, "emotionale Fragen aber werden vielfach totgeschwiegen".

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Alle Mitarbeiterinnen kommen aus der Landwirtschaft

Seit fast 15 Jahren arbeitet Ursula Peters für das Landfrauentelefon NRW. Seitdem weiß sie, dass viele Frauen vom Land ähnliche Sorgen haben. Doch durch das Familiensystem Bauernhof, in dem sie keine anderen Kolleginnen haben, bietet sich kaum die Möglichkeit, mit jemandem über Probleme zu sprechen. Alle ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen des Landfrauentelefons haben einen landwirtschaftlichen Hintergrund und eine gesprächstherapeutische Ausbildung. Auch Bauern steht das Angebot des anonymen Sorgentelefons offen. Doch wird es von ihnen nicht genutzt.

Besonders oft rufen junge Frauen an, die, wie einst Ursula Peters, in eine Bauersfamilie eingeheiratet haben. "Häufig geht es bei den Gesprächen um familiäre Probleme, vor allem um Generationenkonflikte", sagt Edelgard Stahl-Kamerichs, die Geschäftsführerin des Landfrauentelefons. Eine Hofübergabe läuft selten glimpflich ab. In den Telefonfrauen finden die Bäuerinnen einen Gesprächspartner, dem sie ihr Herz ausschütten können. Das Motto des Sorgentelefons lautet: Zuhören, Mitfühlen, Ermutigen.

Ältere Generation in den Grundfesten erschüttert

"Der älteren Generation fällt es schwer, Grenzen zu akzeptieren", sagt Peters. "Die Eltern betreten oft weiterhin ihre alte Wohnung und merken oftmals gar nicht, dass sie die Privatsphäre der jungen Familie stören." Das Problem anzusprechen, ohne jemanden vor den Kopf zu stoßen, sei quasi nicht möglich. "Häufig erwartet die Schwiegermutter, dass die Schwiegertochter für alle kocht, wie sie es einst selbst gemacht hat."

Aber viele junge Frauen wollen nicht mehr ganztägig im Betrieb tätig sein, sondern einem anderen Beruf nachgehen. Der Ehemann, der seine Frau dabei unterstützt, werde dafür von den Nachbarn oder den Eltern oftmals schräg angeguckt, wenn er sich umzieht und den Hof verlässt, um die Kinder aus der Kita abzuholen. Doch nicht nur die Schwiegertöchter, auch die Schwiegermütter greifen zum Hörer und wählen die Nummer des Sorgentelefons. Die ältere Generation fühle sich durch die veränderten Lebensgewohnheiten in ihren Grundfesten erschüttert. "Dass heute vieles anders gesehen wird, lässt sie unsicher werden. Sie fühlen sich für ihre Arbeit nicht mehr wertgeschätzt", erklärt Stahl-Kamerichs.

Dass man auf dem Bauernhof kaum miteinander über Emotionen spricht, liegt laut Ursula Peters manchmal auch daran, dass man vor lauter Arbeit krachkaputt ist. Nachdem man 200 Kühe in den Melkstand gebracht oder den ganzen Tag Felder vermessen habe, schaffe man es abends teils nicht mal, einen Scherz zu machen.

Scharfer Konkurrenzkampf

Auch wirtschaftlich wird es immer schwieriger für die Bauern. 2013 gab es laut Statistischem Landesamt in NRW 34 303 landwirtschaftliche Betriebe, das sind vier Prozent weniger als 2010. Seit 1991 ist die Zahl der Agrarbetriebe sogar um 43,7 Prozent zurückgegangen. "Der Konkurrenzkampf ist schärfer geworden. Entweder wachsen oder weichen", sagt Peters. Inzwischen liegt die durchschnittliche Betriebsgröße bei 42,7 Hektar, 1991 waren es noch 25,2 Hektar. Peters: "Es muss Geld erwirtschaftet werden, von dem die ganze Familie leben kann."

In keinem anderen Beruf sei das Geflecht zwischen Wohnen und Arbeiten so eng wie auf einem Bauernhof. "Wir können nicht nach Hause gehen, um Abstand zu bekommen, wir sind dort zu Hause, wo wir arbeiten." Bauer und Bäuerin bilden in der Regel eine gut funktionierende Arbeitsgemeinschaft. "Aber man muss aufpassen, dass man als Paar nicht auf der Strecke bleibt." Ursula Peters hat es gelernt, sich mit ihrem Mann Auszeiten zu nehmen. Einer ihrer Söhne hat den Hof vor kurzem übernommen. "Für uns war es schwer loszulassen, aber jetzt freuen wir uns über unsere freien Sonntage. Man muss die junge Generation ihren Weg gehen lassen."

(*Name geändert, da alle Telefonfrauen anonym bleiben sollen)

(RP)