Frankreich In der Werkstatt von Meister Gepetto

Zu Besuch beim Spielzeug- oder Glasmacher: Im Massiv der Vogesen in Ostfrankreich hat Handwerkskunst Tradition. Dort wird seit dem 15. Jahrhundert Handarbeit geschätzt.

Wie eine dunkle Wand erheben sich die Vogesenhänge hinter den Rebflächen im elsässischen Weinbaugebiet.

Wie eine dunkle Wand erheben sich die Vogesenhänge hinter den Rebflächen im elsässischen Weinbaugebiet.

Foto: Sabine Mattern

Hinter blank polierten Scheiben funkeln Halsketten, Broschen und Haarkämme um die Wette. Filigrane Arbeiten aus Gold und Silber, Perlen, Edelsteinen und Emaille. Jede für sich ein Kunstwerk, ausgestellt im Musée Lalique, das 2011 am Standort einer ehemaligen Glashütte im elsässischen Wingen-sur-Moder seine Tore öffnete und mit mehr als 650 Exponaten – vom Tafelglas bis zum Parfumflakon – das vielfältige Œuvre seines Namensgebers zeigt: von René Lalique, der im Laufe seines Künstlerlebens vom avantgardistischen Juwelier zum begnadeten Glasmacher werden sollte.

Lalique war schon 61 Jahre alt, als er 1921 in dieses Dorf in den Nordvogesen kam, um eine noch heute produzierende Glasfabrik zu gründen. Nicht ohne Grund, denn die Region stand schon seit Ende des 15. Jahrhunderts – ihrem Reichtum an Holz, Sandstein und Wasser sei Dank – in der Tradition der Glasmacherkunst. Und qualifizierte Arbeiter gab es auch.

Altes Handwerk entstand oft dort, wo sich die benötigten Rohstoffe fanden. So trafen im französischen Osten, in dem 130 Kilometer langen Gebirgszug der Vogesen mit seinen dichten Wäldern, Hochweiden und Gipfeln, seinen Seen und Bächen, auch Textilmanufakturen oder Holzverarbeiter auf ideale Bedingungen. Und selbst wenn die Globalisierung die Karten neu gemischt und die Arbeitswelt verändert hat, gibt es sie noch immer: Glasbläser, Kunsttischler, Töpfer, Imker oder Bonbon-Macher, die das Mittelgebirge, in dem sich Lothringen und Elsass treffen, zu etwas Besonderem machen und Besuchern ein ebensolches Einkaufserlebnis bescheren.

Der Spielzeugmacher Yvan Zimmermann ist der Gepetto des Bruchetals in dem kleinen Dorf Bellefosse mitten in den Vogesen.

Der Spielzeugmacher Yvan Zimmermann ist der Gepetto des Bruchetals in dem kleinen Dorf Bellefosse mitten in den Vogesen.

Foto: Sabine Mattern

Einer von ihnen ist Michael Lorazo, der 2021 in den nördlichen Vogesen, im Örtchen Struth, ein baufälliges Haus erwarb. Während er dies „so nebenbei“ mit Muße renoviert, bleibt reichlich Zeit für seine Passion: das kunstvolle Schmieden von Messern, mit fantasievoll verzierten Klingen sowie Griffen aus versteinertem Holz, Halbedelsteinen, Muscheln, Lava und ähnlich ausgefallenen Materialien. Wer Interesse hat, darf gern einen Blick in seine Werkstatt werfen, den düsteren Raum mit den rohen Wänden, in dem Amboss, Hammer und die Öfen stehen, und ein Lieblingsstück erwerben. Oder gleich einen Workshop buchen, um die Kunst des Schmiedens selber zu erlernen.

Unsere Reise geht weiter. Ruhige Sträßlein schlängeln sich Richtung Saverne. Ab und zu ein Dorf, doch meist begleitet schönste Natur den Asphalt. Felsen ragen hie und da aus den Gräsern am Rand, wo wilder Fingerhut sein Pink in tiefem Grün versenkt. Farne strecken ihre fedrigen Finger in den Schatten der Bäume, die ihre Köpfe über die Fahrbahn neigen.

Viel zu schnell ist da Saverne – einst Residenz der Bischöfe von Straßburg – erreicht, das einen Stopp ganz sicher lohnt. Für eine Siesta am General-de-Gaulle-Platz, die mächtige Sandsteinfassade des Rohan-Schlosses vis-à-vis. Und für eine Promenade durch die Hauptstraße, wo unter der Nummer 80 mit das schönste Fachwerk des Elsass steht: das Haus Katz, ein Renaissancebau mit prachtvollen Schnitzereien, in dem ein Restaurant mit Zwiebelkuchen und Sauerkrautplatte die Berühmtheiten der heimischen Küche serviert.

 Michael Lorazo schmiedet im Örtchen Struth kunstvoll Messer.

Michael Lorazo schmiedet im Örtchen Struth kunstvoll Messer.

Foto: Sabine Mattern

Dem passenden Getränk zum Essen „begegnet“ man nur wenige Kilometer südlich von Saverne, wo bei Marlenheim das Elsässer Weinbaugebiet beginnt und die Ostflanke der Vogesen in einem schmalen Streifen bis nach Thann begleitet. Für eine kleine Weile bleiben wir in diesem Arkadien, in dem zwischen romantischen Fachwerkdörfern Rebstöcke vor der dunklen Kulisse des Gebirges sanfte Hügel überziehen, bevor wir bei Molsheim dem Lauf der Bruche flussaufwärts folgen. Hinein in die mittleren Vogesen, wo die Gipfel höher als im Norden und niedriger als im Süden sind.

Bellefosse heißt die nächste Station, ein einsamer Fleck in den Bergen mit kaum 150 Bewohnern – das Zuhause vom Gepetto des Bruchetals. Ein Holzpferd weist den Weg in die Werkstatt des Spielzeugmachers, aus der das Kreischen einer Säge auf die stille Straße dringt. In dem fensterlosen Raum lehnt Holz in allen Größen an der Wand, Sägemehl überzieht Maschinen und Werkzeug mit einem feinen Film. Auch an Yvan Zimmermann, der früher als Dozent an Straßburgs Uni lehrte, klebt der Staub wie eine zweite Haut, als er für uns die Tür zur Boutique des „Lutin des Bois“ aufschließt. Zwischen Brettspielen füllen Tierpuzzles, Autos, Kreisel in bunten Farben den Platz auf Regalen und Kommoden. Gefertigt aus regionalen Hölzern wie Buche oder Eiche. „Alles ist von Hand bearbeitet und mit dem Pinsel bemalt“, kommentiert Yvan sein Spielzeug, das jedes Kinderherz verzaubert.

Eher nach dem Geschmack der Großen dürften da „Les Confitures du Climont“ im nahen Ranrupt sein. Am Tor der Manufaktur verrät ein Schild, welches Obst an diesem Tag in dem betagten Kupferkessel brodelt. „Wir stellen 40 Sorten Konfitüren und Gelees nach traditionellen Rezepten her, aber auch neue Kreationen sind dabei“, sagt Perrine Hilberer, Chefin des Hauses, das seit 2015 das staatliche Label für außergewöhnliche Handwerkskunst trägt. Das Besondere: Nichts anderes als Früchte und Zucker kommen ins Glas. Da gibt es Wilde Heidelbeere, Grüne Tomate oder Birne mit Ingwer. Wer nach einem Blick in die Marmeladenküche auch mal kosten will, kann das gleich im Laden tun. Und sich die Wahl eines Einkaufs zur Qual machen.

Um die köstlichen Marmeladen und Sirupe des Familienunternehmens nun noch in ansprechender Tafelkunst zu präsentieren, könnte man gleich in Ranrupt fündig werden. Im Gebäude einer früheren Weberei produziert und verkauft Ehret Création Zerbrechliches aus Keramik, Glas und Porzellan. Gern auch exklusiv auf besonderen Wunsch und nach Geschmack der Kundschaft. Wer einen Termin gemacht hat, kann sich bei einer Führung über die verschiedenen Schritte der Herstellung schlau machen. Wer nicht, hat genug damit zu tun, in der fabrikartigen Halle Tische und Regale abzulaufen, um Teller & Co. – Eigenes wie Zugekauftes – in Augenschein zu nehmen.

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