Der legendäre "Adenauer"-Mercedes: Staatskarosse für Staatsmänner

Der legendäre "Adenauer"-Mercedes: Staatskarosse für Staatsmänner

Der Mercedes-Benz 300, vor genau 60 Jahren ein Star der IAA, war das Symbol der neuen wirtschaftlichen Potenz der aufstrebenden BRD. Berühmtester Fahrgast - und inoffizieller Namensgeber - wurde Bundeskanzler Konrad Adenauer.

Nach dem verlorenen Krieg ging es in Deutschland mit großen Schritten wieder aufwärts - ein Symbol dafür war der 1951 auf der Frankfurter IAA präsentierte Mercedes-Benz 300, der direkt an die sogenannten "Großen Mercedes" der dreißiger Jahre anknüpfte. Geradezu sensationell war der Auftritt des großen Sechszylinders, der über ein Jahrzehnt lang gebaut wurde, bis ihn der gleichfalls legendäre 600 ablöste.

Zahlreiche Staatsmänner und Prominente fuhren den 300 - darunter der schwedische König Gustav VI. Adolf, Kaiser Haile Selassie von Äthiopien, der Schah von Persien, Papst Johannes XXIII., die Operndiva Maria Callas oder die Leinwandhelden Gary Cooper und Erol Flynn. Passend zu den Aufgaben als Repräsentationsfahrzeug gab es den Sternenträger als Limousine, viertüriges Cabriolet und mit verschiedenen Sonderaufbauten.

Evolution eines Triebwerks

Möglich machte dies das robuste Chassis in Form eines geschweißten Ovalrohr-X-Rahmens und ein Fahrwerk, das sich mit hinterer Zweigelenk-Pendelachse noch nicht allzu weit von Vorkriegskonstruktionen entfernt hatte. Auch der 3,0-Liter-Sechszylinder-Motor war keine Neuentwicklung, sondern die Evolution eines Triebwerks aus den dreißiger Jahren, das für einen nicht realisierten 2,6-Liter-Pkw vorgesehen war.

Die Kennziffern: 85 kW/115 PS Leistung, 196 Nm Drehmoment bei 2500 U/min und 160 km/h Höchstgeschwindigkeit. Heute bescheidene Werte, damals wie aus einer anderen Welt. Für die Massenerzeugnisse der anderen Hersteller war damals meist knapp über 100 km/h Schluss. Der Verbrauch lag bei 17-18 l/100 km, der Kaufpreis betrug fast 19.000 D-Mark für die Limousine, 21.600 D-Mark für das Cabriolet.

Um diese Summe einzuordnen: Der durchschnittliche Monatsverdienst betrug damals weniger als 400 D-Mark. Dennoch fand der 300er nicht nur in der internationalen Prominenz, sondern auch unter erfolgreichen Unternehmern seine Kundschaft. Sozialneid war in den 50er Jahren eben ein Fremdwort.

  • Fotos : Staatskarossen aus aller Welt

Angenehmer Nebeneffekt der Beschränkung auf einen Dreiliter-Sechszylinder war der Umstand, dass dieser Motor einer international gültigen Hubraumgrenze im Rennsport entsprach. Damit konnte er als konstruktive Grundlage zur Entwicklung des Triebwerks für den legendären 300 SL dienen. Weltpremiere feierte dieser spektakuläre Flügeltüren-Sportwagen 300 SL in New York im Jahr 1954, wenige Wochen vor dem ersten sportlichen Sensationserfolg der jungen Bundesrepublik, dem "Wunder von Bern" bei der Fußball-Weltmeisterschaft.

Leistungssteigerung auf 160 PS

Und auf dem Genfer Salon zeigten die Schwaben den nachgeschärften Mercedes 300 b, der mit modifiziertem Verdichtungsverhältnis und neuem Solex-Registervergaser 92 kW/125 PS Leistung entwickelte. Auf der IAA 1955 trat dann mit größerer Heckscheibe und neuer Hinterachse der 300 auf; 1957 schließlich gab es beim 300d eine völlig neue Heckgestaltung und eine Saugrohr-Benzineinspritzung, mit der die Leistung auf 118 kW/160 PS kletterte.

Noch rasanter als der in der Endstufe 170 km/h schnelle "Adenauer"-Mercedes waren von Anfang an die extravaganten und extrateuren Coupés, Cabriolets und Roadster der Modellreihe 300 unterwegs. Die 110 kW/150 PS freisetzenden Edelsportler waren ganz im Stil der Vorkriegs-Supersportwagen vom Typ 540 K gehalten und auf Abruf ähnlich schnell unterwegs wie ein früher Ferrari. Noch mehr Leistung lieferte ab 1955 die modellgepflegte 300-Sc-Reihe mit dem 129 kW/175 PS freisetzendem Benzin-Direkteinspritzer.

Die Sückzahlen der Zweitürer blieben im dreistelligen Bereich, hingegen waren die Limousinen und viertürigen Cabriolets der 300er-Modellfamilie ein beachtlicher kommerzieller Erfolg. Insgesamt entstanden in gut elfjähriger Produktionszeit immerhin 11.430 Einheiten.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Adenauers Staatskarosse wird 60 Jahre

(SP-X/sgo/top)