1. Kultur

Leistungssingen der Namenlosen

Leistungssingen der Namenlosen

Was soll man von einer Veranstaltung halten, die einen unaussprechlichen Titel durch einen anderen ersetzt? Richtig. Es gab mal eine Zeit, da hieß das Leistungssingen Grand Prix Eurovision de la Chanson, heute firmiert es unter Eurovision Song Contest. Das Problem ist dasselbe. Weitgehend unbekannte Künstler (die unbekannt bleiben) singen unbekannte Lieder (die unbekannt bleiben) in einem Wettbewerb, deren Teilnehmer und Gewinner in einem undurchschaubaren, gefühlt jährlich wechselnden Prozedere ermittelt werden. Was aber nicht weiter stört, da selbst der Siegertitel in der Regel bereits Minuten nach dem Finale vergessen ist und weder Gehörgänge noch Gehirnkapazitäten beansprucht. Leider gibt es Ausnahmen. Normalerweise ist das zu verkraften, weil das salopp "ESC" genannte Pop-Spektakel hauptsächlich an Städte wie Taschkent, Aschgabat oder Bischkek vergeben wird. Diesmal jedoch hat es ein (bis dato unbekanntes) Mädchen namens Lena geschafft, das Finale nach Deutschland zu holen. Nach Düsseldorf. Ausgerechnet. Bisher durfte man zuverlässig davon ausgehen, dass entweder ein Siegel-Schützling und/oder abgehalfterte deutsche Pop-Stars einen deutschen Triumph verhindern. Nun lässt sich (zumindest als Düsseldorfer) nicht nur das Finale nicht ignorieren; stattdessen behauptet die Stadt seit Wochen eine stetig steigende Fieberkurve, die zehn Tage vor dem Showdown in den finalen Schüttelfrost mündet. Allerorten flattern ESC-Wimpel, entrümpeln ESC-Veteranen ihre Keller für ESC-Ausstellungen, feiern ESC-Delegationen ESC-Partys und Eltern ihren ESC-Nachwuchs, leider auf öffentlichen Bühnen. Eurovision, das heißt: Europa leidet unter der Vision, ein Schlagerfest wäre ein nationenumspannendes Ereignis. Leider sind Visionen schwer behandelbar. In diesem Fall hilfreich: Ohrenstöpsel.

Aufhören ist die Kolumne für diejenigen, die den Song Contest überflüssig finden, aber kein Gehör finden

(RP)