Frühere WestLB: Insider-Vorwurf gegen Bankvorstand

Frühere WestLB : Insider-Vorwurf gegen Bankvorstand

Die NRW-FDP ist alarmiert, weil Risikomanager Thomas Groß von der früheren WestLB ausgerechnet zur Helaba wechselt. Mit der Helaba hat NRW sich gerade noch über ein millionenschweres WestLB-Paket gestritten – und unterlag. Wurden Geschäftsgeheimnisse an die Helaba verraten?

Die NRW-FDP ist alarmiert, weil Risikomanager Thomas Groß von der früheren WestLB ausgerechnet zur Helaba wechselt. Mit der Helaba hat NRW sich gerade noch über ein millionenschweres WestLB-Paket gestritten — und unterlag. Wurden Geschäftsgeheimnisse an die Helaba verraten?

Der Wechsel von WestLB-Vorstand Thomas Groß zur Hessischen Landesbank (Helaba) hat ein politisches und vielleicht auch juristisches Nachspiel. Die FDP im NRW-Landtag spricht von einer "denkbar erfolgten Weitergabe von Insiderwissen der WestLB an die Helaba" und beklagt einen Schaden für den Steuerzahler von bis zu 230 Millionen Euro. Heute will sie die Landesregierung zu einer Erklärung auffordern.

Am 14. Juni teilte die WestLB mit, dass ihr Risikovorstand Thomas Groß (47) die Bank verlässt. Vor einer Woche teilte die Helaba mit, dass Groß dieselbe Funktion in ihrem Haus wahrnehmen wird. Für den FDP-Fraktionsvize im NRW-Landtag, Ralf Witzel, ist der Wechsel "äußerst bedenklich". Er begründet seine Kritik mit dem dramatischen Streit, den das Land NRW als WestLB-Eigentümerin sich noch im Juni mit Groß' neuem Arbeitgeber geliefert hat. Dabei ging es um ein Paket von vergifteten WestLB-Papieren in dreistelliger Millionenhöhe — also um einen Zankapfel aus dem Zuständigkeitsbereich von Thomas Groß.

Am Ende unterlag das Land und musste die Papiere übernehmen, was den Steuerzahler bis zu 230 Millionen Euro kostet. Für Witzel steht der Verdacht im Raum, "dass der damalige WestLB-Vorstand Groß zum Zeitpunkt dieser Verhandlungen schon auf seine neue Aufgabe bei der Helaba spekuliert und deshalb möglicherweise seine Amtspflichten gegenüber der WestLB und dem Land NRW vernachlässigt haben könnte", so Witzel. Anders könne er sich die Wende im Streit mit der Helaba kaum erklären. Beweise hat er nicht.

In einer Anfrage an die Landesregierung verdeutlicht er seine Position mit der Chronologie der Ereignisse:

22. Mai 2012 NRW-Finanzminister Norbert Walter-Borjans (SPD) verkündet nach wochenlangen Verhandlungen mit der Helaba den Durchbruch bei der WestLB-Aufspaltung: Die Helaba soll das Verbundbank-Geschäft der WestLB übernehmen.

Anfang Juni droht die Helaba, den Deal platzen zu lassen und stellt "urplötzlich Nachforderungen", wie es in der FDP-Anfrage heißt. Angeblich sei unvorhersehbar ein "Derivatepaket" mit einem negativen Wert von 230 Millionen Euro bei der Verbundbank aufgetaucht. Die Helaba verlangt, das Land solle das Paket übernehmen.

8. Juni Walter-Borjans lehnt die Forderung ab und sagt: "Wenn dann die eine Seite mit einem vorher nicht bemerkten Sack voll Lasten kommt, muss sie den aus der Welt schaffen — und zwar nicht, indem sie ihn sang- und klanglos beim anderen abstellt."

13. Juni Walter-Borjans akzeptiert die Forderung der Helaba doch: Das ungeliebte 230-Millionen-Paket Euro wird auf öffentliche Einrichtungen des Landes verteilt.

14. Juni Die WestLB gibt das Ausscheiden von Risiko-Vorstand Thomas Groß zum 15. August bekannt.

29. August Der Verwaltungsrat bestellt Groß zum Helaba-Risiko-Vorstand.

Für Witzel ist "fraglich, ob Groß bei der WestLB gekündigt hat, ohne einen neuen Job zu haben". Schließlich habe der Top-Banker bei der WestLB ein fixes Jahresgehalt von rund 570.000 Euro bezogen und sei unumstritten gewesen. Witzel: "Der Lebenserfahrung nach wirft man das nicht hin, ohne etwas Neues zu haben."

Da Groß bei der WestLB spätestens am 14. Juni gekündigt haben muss, dürften die ersten Anbahnungs-Gespräche mit der Helaba nach Witzels Logik davor stattgefunden haben — also während oder vor dem Streit der Helaba mit NRW. In diesem Zusammenhang fragt Witzel: "Hat die Helaba möglicherweise einen Insider-Tipp zu den vergifteten Papieren bekommen?"

Der Finanzminister soll an diesem Donnerstag im Haushaltsausschuss erklären, warum die Helaba das 230-Millionen-Paket erst so spät und so plötzlich "entdeckt" hat. Witzel fragt nach Erkenntnissen des Ministers, "ob es im Zusammenhang mit den Verhandlungen mit der Helaba (...) sogar erst durch etwaige Insiderinformationen bzw. die mögliche Weitergabe von Geschäftsgeheimnissen seitens der WestLB zu der Nachforderung" gekommen sei, und ob Walter-Borjans Strafanzeigen oder Schadenersatzforderungen plane.

Die WestLB, die inzwischen "Portigon" heißt, will sich zu dem Thema nicht äußern. Die Helaba teilte mit, Groß sei urlaubsbedingt nicht erreichbar. Der Verdacht gegen ihn entbehre aber "jeder Grundlage". Groß sei an der Auswahl der zu übernehmenden Portfolios nicht beteiligt gewesen. "Das sogenannte Derivate-Portfolio war nie Gegenstand einer Auswahl durch die Helaba", so der Sprecher. NRW-Finanzminister Walter-Borjans sagte: "Man kann sich sicher sein, dass ich einfordere, dass Ungereimtheiten aufgeklärt werden."

(RP/das/pst)
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