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Gesellschaftskunde: Das lehrreiche Dschungelcamp

Gesellschaftskunde : Das lehrreiche Dschungelcamp

Man kann natürlich ausschalten. Dann muss man nicht zusehen, wie magersüchtige Frauen im australischen Busch Maden in Aspik schlucken oder Riesenkakerlaken küssen. Oder beobachten, wie ein alter Mann, der früher Helmut Berger war, dumpf auf der Pritsche sitzt, bis ein Arzt den Trinker erlöst. Doch das "Dschungelcamp" ist eine lehrreiche Sendung, denn sie führt uns vor Augen, was aus Menschen wird, die falsche Imperative unserer Zeit verinnerlicht haben. Denn all die Spinnen und Schlangen und das tropische Gewürm sind ja nur die eklige Oberfläche. Wirklich befremdlich ist, dass Menschen auf Befehl Dreck fressen oder in Rattenröhren klettern, um bekannt zu werden. Das Ziel heiligt die Mittel, nur ist der Traum vom besseren Leben pervertiert: Der Kleinbürger will nicht mehr Großbürger werden, sondern Dschungelkönig. Auf dass ihm gehuldigt werde von einem Millionenpublikum, das nicht mehr fragt, wofür eigentlich.

Das "Dschungelcamp" ist der exotische Beweis dafür, dass wir die Leistungsgesellschaft hinter uns gelassen haben. Es zählt nicht mehr, was einer tut, worin er sich beweist, sondern nur noch, ob er Erfolg hat. Der kann dann ruhig allein darin bestehen, bekannt zu sein, vorzukommen, gesehen zu werden – bei der Liveübertragung aus dem Camp der Gescheiterten.

Nun ist Anerkennung für viele der Motor ihres Tuns, daran ist nichts Schlechtes. Was sich verschiebt, ist unser Empfinden dafür, was Anerkennung verdient. Kröten fressen? Das müssen viele in Billiglohnjobs, das erklärt vielleicht die Schadenfreude, mit der viele Zuschauer beobachten, wie ihre TV-Pendants schikaniert werden und mit welcher Lust sie die Schwächsten unter ihnen per Telefon in sadistische Spielchen hetzen, die wie zum Hohn "Prüfungen" genannt werden. Unser System produziert zu viele Gedemütigte, die längst die Hoffnung aufgegeben haben, dass sie sich aus ihrem Sumpf herausarbeiten könnten. Also träumen sie vom Katapult, das sie schlagartig ins Reich der Reichen befördern könnte. Und dieses Katapult ist die Prominenz, das Bekanntwerden, egal zu welchem Preis.

Oder ist das alles nur Spiel, inszenierte Quälerei unter der Sonne von TV-Scheinwerfern? Wer das unbestritten Inszenierte der Dschungel-Hunger-Games heranzieht, um sich die Sendung harmlos zu reden, macht es sich zu einfach. Es gehört mindestens Zynismus dazu, sich darüber zu amüsieren, wie Verlierer bei einem Spiel mitmachen, das sie nicht durchschauen. Natürlich gehen die Fionas und Joeys freiwillig ins Camp, sie haben die Werte der Prominenzgesellschaft ja verinnerlicht. Irritieren muss uns, dass Erfolg heute alles ist – und zwar abgekoppelt vom Inhalt des Erreichten. Danach sollten wir wieder fragen. Ohne Zynismus. Dann vergeht der Spaß am "Dschungelcamp" von ganz allein.

Ihre Meinung? Schreiben Sie unserer Autorin: kolumne@rheinische-post.de

(RP/rm)