Müllhalde Arktis: Verschmutzung der Meere — Plastikmüll sinkt bis in die Tiefsee

Müllhalde Arktis : Verschmutzung der Meere — Plastikmüll sinkt bis in die Tiefsee

Die Verschmutzung der Meere zieht immer weitere Kreise: Forscher finden sogar in 2500 Meter Tiefe auf dem Grund des arktischen Meeres Plastiktüten. Die Ozeane drohen zu Müllhalden zu verkommen.

In 2500 Meter Meerestiefe sollte es ruhig sein, die arktische Tiefsee zwischen Grönland und Spitzbergen gilt als nahezu unberührte Region. Deshalb haben Biologen des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) dort eine knapp zwei Meter hohe Vorrichtung mit einer Kamera installiert. Alle 30 Sekunden macht sie ein Foto, ein heimlicher Beobachter der Tiefseefauna. Das Gerät soll Fische und Seeigel fotografieren, es dokumentiert aber auch den Müll — an einer der entlegensten Stelle der Erde. Auf zwei Prozent aller Fotos sehen die Tiefseeforscher mittlerweile Plastikmüll.

"Die Müllmenge auf dem Meeresgrund hat sich schätzungsweise verdoppelt", sagt AWI-Forscherin Melanie Bergmann, vor zehn Jahren waren die Spuren der Wohlstandgesellschaft noch viel seltener zu sehen. "Den Anstoß für diese Studie gab ein Bauchgefühl. Bei der Durchsicht unserer Expeditionsaufnahmen hatte ich den Eindruck gewonnen, dass auf den Fotos aus dem Jahr 2011 öfter Plastiktüten und andere Müllreste auf dem Meeresboden zu sehen waren als auf Bildern früherer Jahre." Müllzählungen am Strand von Spitzbergen ergaben, dass der Abfall wohl hauptsächlich von Hochseefischern stammt. Doch der Plastikmüll, der den Strand verschmutzt, ist zwar auffällig, aber das geringste Übel. Denn 70 Prozent der Abfälle sinken auf den Meeresboden, wo sie über Jahrzehnte nicht verrotten. Knietief könnte man an manchen Stellen vor der Nordsee durch Müll waten.

Jährlich zehn Millionen Tonnen Plastik

Nach Schätzungen gelangen Jahr für Jahr zehn Millionen Tonnen Plastikabfälle neu ins Meer. So genau lässt sich das nicht angeben, weil der den Meeresströmungen folgende Müll selbst aus dem Weltall nicht zu quantifizieren ist. Die Ozeane sind mittlerweile die größte Müllhalde der Welt. Schon vor fünf Jahren warnte der US-Forscher Curtis Ebbesmeyer vor einer Strömung im Pazifik, die doppelt so groß sei wie die USA: der Great Pacific Ocean Garbage Patch, pro Quadratmeter Wasserfläche soll dort ein Teil Plastikmüll schwimmen.

Ebbesmeyer vergleicht diese Strömung in der Zeitung "Independent" mit einem großen, ungebändigten Tier, das von der Leine gegangen ist: Wenn es kleinere Inseln oder größere Strände erreiche, werden diese in einem Ausmaß verdreckt, als ob es eine Riesenparty gegeben habe.

In der Nordsee sind Freizeit und Tourismus-Aktivitäten an Land und die Schifffahrt für 40 Prozent des Mülls im Meer verantwortlich. Der Rest wird wohl durch Flüsse, Kanäle und heftige Regenfälle ins Meer gespült. Ähnlich ist die Situation im Mittelmeer. Dort können penible Müllzähler nachweisen, dass während der Urlaubssaison die Müllmengen deutlich ansteigen — sie werten den Barcode auf den Verpackungen aus, der häufig noch gut erkennbar ist. Das Gros bilden Verpackungsabfälle, dann folgen Hygieneartikel, auch Einträge aus der Fischerei und Zigarettenreste sind nicht selten.

Minimal aber zerstörerisch

Das ist aber nur der Plastikmüll, den das menschliche Auge wahrnehmen kann. Dazu kommen noch feine Verunreinigungen, die die Experten Mikroplastik nennen: Weniger als fünf Millimeter große Partikel, Fasern aus Kunststoff-Kleidungsstücken wie Fleece, die in der Waschmaschine abgetrennt und von Kläranlagen nicht zurückgehalten werden. Oder Pallets: feine Granulate, die in Kosmetik, Arzneimittel und Hygieneprodukten verarbeitet werden, die über die Zahnpasta und Waschmittel ins Wasser gelangen. Und schließlich von der Kraft des Meeres über Jahre hinweg zermahlte Verpackungen.

Den Tieren in und auf dem Meer bereiten diese kleinen Rückstände Probleme, Menschen können sie am Strand oft nicht einmal von feinen Sandkörnern unterscheiden. Weil die schleichende Zerstörung eines Öko-Systems für den Menschen kaum wahrnehmbar ist, geht der Zustand fast ohne Unterbrechung weiter. Naturschützer haben schon ungewöhnliche Vorschläge gemacht. Sie wollen den großen Fischfangflotten neue Aufgaben geben. Sie sollen als Müllsammler mit ihren Netzen den ewigwährenden Eintrag aus dem Meer wieder herausfischen und ordnungsgemäß an Land entsorgen lassen.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Die Zerstörung der Meere

(RP/sap/jre/das/gre)
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