Kurzkrimi in sieben Kapiteln (Kapitel 7): Funken, Feuer, Pulverfass

Kurzkrimi in sieben Kapiteln (Kapitel 7) : Funken, Feuer, Pulverfass

Jahrzehntelang brannte am 5. November zum Guy Fawkes Day im JHQ in Gladbach ein Scheiterhaufen mit Strohpuppen. Doch einmal verbrennt in den Flammen auch eine echte Leiche...

Kapitel 7

"Was für eine Bombe?", fragte Goldwaagner beinahe verängstigt. Cabera spürte, dass Goldwaagner einen Moment lang wirklich nicht wusste, was Roberts von ihm wollte. "Wo ist dieses Haus, in dem Sie eine Bombe gelegt haben?", blaffte Roberts. Goldwaagner stutzte, zog die Brauen hoch, verzog das Gesicht zu einem Grinsen und begann hysterisch zu lachen, hielt sich den Bauch, schüttelte sich vor Lachen, das schließlich in ein Husten überging.

Dann verstummte er abrupt, blickte die beiden Polizisten mit Tränen in den Augen an, wobei Cabera nicht wusste, ob es wirklich Lachtränen waren. "Es gibt keine Bombe!" "Was?", platzte es aus Roberts heraus. "Es gibt keine Bombe! Und es gab niemals eine!", erklärte Goldwaagner mit einer Arroganz in der Stimme, als habe Roberts ihn nach der Existenz des Weihnachtsmanns gefragt.

"Wie meinen Sie das?", wollte Cabera wissen, der sowohl von Roberts' Wut- noch von Goldwaagners Lachanfall beeindruckt war. Goldwaagner schüttelte den Kopf, als habe er zwei dumme Jungen vor sich, die die einfachsten Dinge nicht verstanden. "Der Kerl saß nie auf einer Bombe. Es gibt keine Bombe. In der Munitionskiste war Sand, damit sie schwer genug war, damit er sie nicht verschieben konnte und so keinen Verdacht schöpfte. Das Kabel, das aus der Munitionskiste führte, endete im Nebenraum in einer kleinen Kabeltrommel, die nicht einmal angeschlossen war!" Goldwaagner brach erneut in Lachen aus.

"Was hat Sie zu so einem Aufwand angetrieben? Und das alles auch noch, wenn Sie den Mann nicht einmal umbringen wollten, wie sie ja sagten?", hakte Cabera nach.

Goldwaagner ging nicht sofort auf seine Frage ein: "Das Einzige, was in diesem Haus wirklich echt war, war das Babyfon, die Kamera und die Dummheit dieses Mannes!", begann er. "Die Kamera lief tatsächlich mit. Sie sollte seine Dummheit aufzeichnen. Und sie sollte aufzeichnen, wie er sich in die Hose macht vor lauter Angst. Weil er nicht imstande war, ein paar Fragen zu beantworten, die einen Feiertag betreffen, den er bis vor wenigen Minuten noch exzessiv gefeiert hatte. Und weil er ernsthaft dachte, dass ich ihn dann in die Luft sprenge!" Goldwaagner lachte wieder, aber diesmal klang es verbittert. Roberts verstand noch immer nicht: "Und was sollte der ganze Mist dann?"

Goldwaagner lächelte kalt: "Ich wollte diesen Film bei YouTube hochladen. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte? Dann sagt ein Film doch pro Sekunde mehr als 24000 Worte. Und jede dieser Filmsekunden hätte diesen Idioten als das entlarvt, was er ist. Und jeder aus dieser ganzen Online-Community' hätte beim Sehen dieses Videos gespürt, dass er genauso ist wie dieser Kerl! Bestrafe einen. Erziehe Tausende. Der Ursprung dieser Maxime war natürlich anders gemeint, aber er findet hier eine ganz neue, eine weitere Bedeutung!", dozierte Goldwaagner.
Roberts beugte sich vor: "Was ist passiert, weshalb Sie ihn noch am selben Abend auf den Scheiterhaufen vom Guy Fawkes Fest geworfen haben?" Goldwaagner blickte die beiden tief in die Augen: "Weil er gestorben ist!"

Roberts' Nervenkostüm platzte nun endgültig: "Wollen Sie uns verarschen?" Goldwaagner blieb ruhig: "Nein. Er starb in dem Moment, in dem er glaubte, sterben zu müssen. Er beantwortete auch die letzte Frage falsch. Das war der Moment, in dem ich ihn eigentlich hätte in die Luft sprengen müssen. Das tat ich natürlich nicht. Aber er starb, ohne dass ich etwas dazu tun musste oder dass ich es wollte."

"Wie?" Roberts verstand gerade wirklich nichts. "Möchten Sie den Moment des Todes sehen?", fragte Goldwaagner nun beinahe flüsternd. "Wir können es gemeinsam ansehen. Es ist doch längst alles im Internet!" Cabera sah, wie Roberts' Gesichtszüge entgleisten und dann versteinerten. "Los!", befahl der Militärpolizist, öffnete den Internetzugang auf seinem Laptop und schob den Computer Goldwaagner hinüber. Der rief ein Videoportal auf. "Film starten?", fragte er höflich.

Cabera nickte. Dann sahen sie den Film. Es war so, wie Cabera es sich bei der Erzählung Goldwaagners vorgestellt hatte: Das verstörende Ensemble aus olivgrüner Munitionskiste, klobigem Babyfon und zerschlissener Clownstapete; der Kerl, der sich gegen die Fesseln auflehnte und die blecherne Stimme aus dem Babyfon, die unerbittlich Fragen auf den Kerl abfeuerte. "Jetzt!", flüsterte Goldwaagner. Sie hörten die letzte Frage, die verzweifelte Antwort, Goldwaagners Urteil, das ein Todesurteil wider Willen geworden war.

Dann passierte es. Der Mann zuckte auf der Munitionskiste umher, verkrampfte sich, röchelte, hustete, bäumte sich auf, zerriss sogar eine der Seile, fasste sich an den Hals, gurgelte, strampelte in Todesangst. "Ein Asthmaanfall", erklärte Goldwaagner, ohne den Blick vom Bildschirm zu nehmen. Auf dem Bildschirm sahen sie nun, wie Goldwaagner in den Raum eilte, sich über den zuckenden Mann bäumte, verzweifelt dessen Kragen lockerte. Als das Zucken schwächer wurde, begann Goldwaagner eine Herzmassage und Beatmungen.

Je länger das Video lief, desto sicherer waren sich Cabera und Roberts, dass der Kerl inzwischen gestorben sein musste. Doch Goldwaagner versuchte seine Wiederbelebungsversuche weiter und weiter. Irgendwann schaltete sich die Kamera ab.

Ihnen gefällt, was Sie hier lesen? Dann kommen Sie am 5. November zur Lesung in die VHS! In der Ausstellung sind auch die Bilder von Marion Überschaer aus dem JHQ zu sehen. Einen ersten Eindruck von den Fotos erhalten Sie in der Bilderstrecke.

(lsa)
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