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Interview: Susanne Titz: Wir erleben hier einen neuen Gemeinsinn

Interview: Susanne Titz : Wir erleben hier einen neuen Gemeinsinn

Die Leiterin des Museums Abteiberg spricht über die Esel auf dem Sonnenhausplatz, Hans Hollein und Gladbachs Verhältnis zu Kunst.

Wir haben das Gefühl, dass das Museum Abteiberg in den vergangenen Jahren so richtig in die Mitte der Stadt Mönchengladbach gerückt ist, wie es ja von Architekt Hans Hollein immer vorgesehen war. Teilen Sie diesen Eindruck?

Susanne Titz Ich würde mich freuen, wenn das so ist. Das trifft genau den Gedanken, den Johannes Cladders und Hans Hollein hatten, als sie das Museum planten. Das Museum sollte immer Teil der Stadt sein. Und zugleich Gladbach etwas geben, was es nicht kennt. Es ist so toll zu sehen, wie vieles hier in dieser Stadt gelang. Denken Sie etwa an Gerhard Richter ganz früh 1974 oder Martin Kippenberger 1997. Richtig ist aber auch: Es gab Zeiten, in denen das Museum nicht so präsent war in Gladbach.

Auch außerhalb des Museums gibt es Kunst. Auf dem Sonnenhausplatz sollen die "Seven Donkeys" von Rita McBride aufgestellt werden.

Titz Und das aus einem zunächst ganz profanen Grund, dem Bau eines Einkaufszentrums. Es ist ein Geschenk des Investors Mfi, dessen Gründer sehr an Kunst interessiert sind. Ich bedaure zwar immer noch, dass das alte Theater dort nicht mehr existiert, bin aber sehr gespannt auf den neuen Platz. Wir wollen zeigen, dass Kunst ein Interesse an Städten hat. Und dass sie dort am neuen Platz ein besonders spannendes Thema findet.

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Nicht alle teilen den Enthusiasmus bezüglich der Esel. Glauben Sie, dass sich die Gladbacher erst noch an den Gedanken gewöhnen müssen?

Titz Ich glaube, dass das eine Frage der Zeit ist. Viel Kritik fußt bei diesem Projekt auf zwei Missverständnissen. Zum einen wird es nicht aus Steuergeldern bezahlt, wie viele annehmen. Zum anderen werden die Esel nicht in der Mitte des Platzes stehen. Viele beschäftigt zudem die Frage, wie sich das Bild der Linien auf dem Platz darstellen wird. Und das wird jetzt gemeinsam mit dem Platzplaner und der Künstlerin Rita McBride geklärt.

Eigentlich ist es doch auch toll, wie zuletzt über die Esel diskutiert wurde. Kunst scheint die Menschen zu bewegen, auch dann, wenn sie sie vielleicht ablehnen.

Titz Ich bin sehr glücklich über die Diskussion, die zeigt, dass sich die Menschen für diese Dinge interessieren. Ich finde es immer gut, wenn Menschen den Mut aufbringen, zu diskutieren. Es geht aber eben nicht nur um die Tiere, die verschlungenen Wege hin zu den Eseln sind der Clou. Es sind Linien von Wegen und Trampelpfaden, sie stehen prototypisch für die Entwicklung einer Stadt. Natürlich spielt Rita McBride hier dabei auch mit den Erwartungshaltungen.

Wir haben die Sorge, dass die Esel zu niedlich aussehen könnten. Dann wird es schnell langweilig.

Titz Die Esel werden wahrscheinlich sehr natürlich aussehen, nicht niedlich, sondern knapp dran vorbei. Sie stehen in der Tradition der Pop-Art und sind eher ein Zitat jener Bronze-Skulpturen, wie viele Menschen sie lieben.

Der Kulturausschuss vernahm zuletzt auch Bedenken gegen der Erwerb der fünf Lampen-Objekte von Alex Morrision an der "Traumstraße". Wenn die Stadt sich dagegen entscheidet, wird der Künstler sie wohl früher oder später abbauen.

Titz Das wird so sein, aber ehe es soweit ist, ist Zeit noch einmal zu sprechen. Die Einschätzung der Verwaltung wurde in relativ kurzer Zeit getroffen. Wenn die Objekte in der Stadt verbleiben, würde sich der Museumsverein um die Instandhaltung kümmern. Die Stadt belasten die Lampen nicht mehr als übliche Straßenlampen. Ich sehe die Möglichkeit, dass wir uns zusammensetzen. Wir arbeiten ja auch andernorts gut zusammen. Das Grünflächenamt etwa ermöglicht viel für die Kunst. Im Hans-Jonas-Park zum Beispiel oder in unserem Skulpturengarten.

Sie sitzen im Beirat der Kunstsammlung Rheingold. Das Museum Abteiberg gehört zu den Spielorten der Sammlung. Der Sammler und Kunstberater Helge Achenbach, der bis vor kurzem die Geschäftsführung innehatte, sitzt in U-Haft. Ihm wird Betrug beim Handel und Verkauf von Kunstwerken vorgeworfen. Wie kann so etwas passieren?

Titz Wir haben durch die Sammlung Rheingold immer eine tolle Unterstützung erfahren und zum Beispiel Projekte wie Gregor Schneiders E N D realisieren können. Beraten durch den Beirat ging es darum, sich für junge oder auch schwierigere, vergessene Kunst zu engagieren. Und Helge Achenbach war stets eine treibende Kraft, hatte ein schnelles Auge und großes Vertrauen in die Kunst. Das macht es so tragisch und hinterlässt ein großes Fragezeichen. Warum hat er nicht gemerkt, dass er sich so schadet?

Kann es passieren, dass die Sammlung Objekte abgeben muss, sollte Achenbach verurteilt werden und für den entstandenen Schaden aufkommen müssen?

Titz Die Gesellschafter haben ein großes Interesse daran, dass die Werke in geschlossenem Besitz bleiben. Dafür wird man sich einsetzen. Es ist aber ein Irrtum, anzunehmen, dass es in unserem Museum große Rheingold-Bestände geben würde. Dauerleihgaben sind hier allein der Kronleuchter von Cerith Wyn Evans und das Atelier von Gregor Schneider.

Wird es denn mal wieder zu einer Ausstellung mit Rheingold bei Ihnen kommen?

Titz Wir stehen in intensivem Kontakt und wollen das sehr gern. Das ist geplant.

Was hat sich eigentlich durch den Tod von Hans Hollein geändert? Wird das Museum jetzt zum Forschungsinstitut?

Titz Das hat sich schon für seinen 80. Geburtstag so entwickelt. Es entstand eine Ausstellung über Hollein, die seine Vision der Architektur zum Gegenstand hat. Und das war erst der Anfang. Wir legen Material von ihm aus, für das er erstmalig sein Archiv geöffnet hat, und werden es anschließend wissenschaftlich bearbeiten.

Die Kernaufgaben eines Museums sind doch: sammeln, bewahren und ausstellen.

Titz Nein, sammeln, bewahren, forschen, ausstellen und vermitteln. In vielen Museen wird das gerade zum Problem, weil die Mittel zum Forschen nicht mehr zur Verfügung stehen. Wir haben nun durch die Gerda-Henkel-Stiftung eine Stipendiatin, Eva Branscome, die sich in den kommenden zwei Jahren mit Hollein auseinandersetzen und ihre Arbeit wunderbar zweisprachig vermitteln wird.

Wie steht es eigentlich um den zweiten Bauabschnitt, den Architekt Hans Hollein ursprünglich einmal vorgesehen hatte? Für das Museum wäre es doch sicher wichtig, noch mehr Raum für Ausstellungen zu schaffen.

Titz Wir müssen immer im Blick haben, was für das Museum generell wichtig ist, um in Zukunft gut zu bleiben. Ganz schlimm wäre es, wenn ein großer Kasten als weiterer Ausstellungsraum hingesetzt würde, ohne dass man ihn bespielen kann.

Zu Beginn sprachen wir über das Museum, das in die Stadt hineinwirkt. Wären denn auch weitere Kooperationen denkbar, um diese Entwicklung zu fördern. Ließe sich nicht etwa auch die Zusammenarbeit mit der Hochschule Niederrhein intensivieren?

Titz Wir arbeiten oft zusammen. Seit vielen Jahren arbeiten Absolventinnen bei uns als Museumspädagoginnen, Studierende kommen zu uns, um sich Inhalte oder auch erste Praxis anzueignen, mit Führungen, Werkstattkursen oder Mitarbeit in der Denkfabrik zum Masterplan., Unser Museumspädagoge Uwe Riedel hat einen Lehrauftrag an der Hochschule inne. In den vergangenen Jahren hat sich der Kontakt zu den Studierenden intensiviert, weil diese jetzt gerne in Mönchengladbach zu studieren und zu leben scheinen. Auch die Hochschule scheint sich mittlerweile mehr mit Mönchengladbach zu identifizieren.

Ist das womöglich eine generelle Entwicklung in der Stadt?

Titz Es gibt hier einen neuen Bürgersinn. Früher war es schick, bei jeder Gelegenheit Kritik zu üben, heute werden neue Projekte unterstützt. Früher hatten viele hier das Gefühl, dass es nur um Privatinteressen geht. Heute erleben wir einen neuen Gemeinsinn. Das macht großen Spaß, auch bei der Arbeit für das Museum.

DAS INTERVIEW FÜHRTEN DIRK RICHERDT, INGE SCHNETTLER, RALF JÜNGERMANN UND KLAS LIBUDA

(RP)