1. NRW
  2. Städte
  3. Meerbusch

Meerbusch: Einwohner müssen ihre Häuser verlassen

Meerbusch : Einwohner müssen ihre Häuser verlassen

Nach der Besetzung durch US-Soldaten lag das heutige Meerbusch an der vordersten Frontlinie. Die Deutschen schossen von der rechten Rheinseite — und die Alliierten entschlossen sich, zu evakuieren

Als die Oberkasseler Brücke am 3. März 1945 von deutschen Soldaten gesprengt wurde, konnten die GIs nicht weiter Richtung Düsseldorf vordringen. Wegen des starken Beschusses durch die Wehrmacht, die sich auf der rechten Rheinseite befand, entschieden sich die Alliierten, die rheinnahen Orte zu evakuieren.

 Noch heute zu sehen: Einschussloch deutscher Artillerie im Giebel des Kohteshofes an der Uerdinger Straße in Lank.
Noch heute zu sehen: Einschussloch deutscher Artillerie im Giebel des Kohteshofes an der Uerdinger Straße in Lank. Foto: Ulli Dackweiler

Die Anwohner von Langst-Kierst, Nierst, Illverich, Meererbusch und Büderich wurden aufgefordert, bis zum 14. März ihre Häuser zu verlassen. Sie mussten sich eine neue Unterkunft besorgen. Viele gingen nach Lank-Latum. Vier Tage später, am Palmsonntag, 18. März, erweiterten die US-Soldaten das Sperrgebiet. Alle Einwohner des heutigen Stadtgebietes mussten sich bis Dienstagmittag jenseits der Bahnlinie Krefeld-Neuss aufhalten.

Ein langer Treck setzte sich in Bewegung: Die Bewohner durften nur mitnehmen, was absolut notwendig war: Bettwäsche, Geschirr, Vieh, Geflügel, Kleidung und alles was getragen werden konnte. "Es war ein Bild des Jammers", hielt der damalige Lanker Pfarrer Fahnenbruch fest. Aber es kam auch zu witzigen Situationen: Auf einem vollgepackten Wagen, der mangels Pferden von einem Ochsen gezogen wurde, hatte das Ehepaar Hilgers einen Eimer Rübenkraut, Oberbetten und ein Schwein verladen. "Durch die holprige Fahrt auf Feldwegen hatte sich der Eimerdeckel gelöst, das Kraut lief aus, das Schwein fraß die Oberbetten an - bald war es über und über mit klebrigen Federn bedeckt", erinnerte sich die Tochter später.

Die Evakuierten wurden in Willich, Fischeln und Krefeld untergebracht. Aber der Weg in die Evakuierungsgebiete barg auch Gefahren. Theo Schiffer erzählte: "In Höhe des Sandberges wurden wir durch deutsche Artillerie vom jenseitigen Rheinufer beschossen. Einer Frau wurde durch Granatsplitter die Schlagader aufgerissen. Ein Mann fiel tot von seinem Fahrrad."

Im Evakuierungsgebiet angekommen, mussten sich die Umquartierten schnell zurecht finden. "Hier fanden wir recht freundliche Aufnahme", schrieb Fahnenbruch in sein Tagebuch. Auch Ingrid Kuntze, die damals zehn Jahre alt war, erinnert sich an die Zeit der Evakuierung. Sie wurde mit ihrer Mutter nach Willich umgesiedelt. "Wir hatten alle Läuse gekriegt, aber die Amerikaner haben uns mit Läusepulver versorgt", berichtet sie. Franz-Josef Radmacher, damals viereinhalb Jahre alt, erinnert sich: "Wir zogen in langem Treck über Ossum nach Fischeln zum Onkel Josef. Vater hatte einen Wohnwagen gebaut, den unser Pferd Herta zog."

In Willich waren 1465 Personen aus Lank einquartiert. Der Bevölkerungsanstieg führte zu Problemen bei der Lebensmittelverteilung. Bereits seit 1939 war die Versorgung der Bevölkerung durch Lebensmittelkarten geregelt. In einem Brief des damaligen Lanker Amtsinspektors Senger an den Willicher Landrat des Ernährungsamtes beklagte er sich darüber, dass Lebensmittelkarten für die Lanker nicht mitgeliefert wurden.

Als Düsseldorf eingenommen war und von der rechten Rheinseite keine Gefahr mehr drohte, durften die Bewohner zurückkehren. Radmacher erinnert sich: "Nach der Rückkehr nach fünf Wochen fanden wir unser Haus geplündert und zerwühlt vor. In meinem Schlafzimmer lagen alle Fotos und Papiere auf dem Fußboden, und in der Mitte lag ein großer Haufen: Scheiß-Krieg!"

(RP)