Haldern Pop : Die Talentbühne

Das kleine Festival am Niederrhein macht Newcomer zu Szenegrößen: Kate Nash, Mumford & Sons, Polarkreis 18, Emiliana Torrini. Auch vom 12. bis 14. August werden manche Künstler Haldern als Karriere-Sprungbrett nutzen.

Wer kannte Anfang 2009 schon Mumford & Sons? Die Band, deren Name klingt wie eine britische Anwaltskanzlei oder schottische Kaufhauskette, war in den ersten Monaten des Jahres 2009 allenfalls ein Geheimtipp. Haldern-Pop-Organisator Stefan Reichmann hörte über einen guten Bekannten, dessen popmusikalisches Wissen er sehr schätzt, von der Band — und holte sie auf sein Festival. Im August 2009 standen Mumford & Sons schließlich auf der Bühne von Haldern-Pop; danach nisteten sie sich sich Winter mit ihrem Kuschel-Hillybilly-Pop in den Lautsprechern der europäischen Radiogeräte ein. Mumford & Sons sind auf das Sprungbrett in den Pop-Himmel getreten — und hoch geflogen.

Eine Nase für guten Pop

Man könnte von Zufall sprechen, man könnte darauf verweisen, dass jedem Festivalorganisator mal ein solcher Glücksgriff gelingen kann. Das Haldern-Pop-Team beweist aber schon seit 25 Jahren eine Nase für guten Pop. Festivalorganisator Stefan Reichmann erklärt sein Prinzip: "Man hört aufmerksam zu, entwickelt über die Jahre ein eigenes Koordinatensystem und vertraut seinem eigenen Geschmack. Wir haben relativ konsequent unsere Vorstellung eines guten und stimmigen Festivals in kleinen Schritten durch gezogen und mussten budgetbedingt sehr aufmerksam das Frühbeet beobachten."

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Beim ersten Festival im Jahr 1984 spielte in Haldern eine Band namens The Chameleons — damals noch weitgehend unbekannt, wenige Jahre später schon über die Insel hinaus ein Name, heute stilbildend für Bands wie Interpol oder Editors. Reichmann erzählt: "Letztens traf ich einen britischen Musikmanager, der mir gratulierte, The Chameleons bereits 1984 auf dem Festival gehabt zu haben." Die Anekdote beweist: Auch in Musikkreisen kennt man das Haldern-Prinzip, aus Kleinem behutsam Großes zu machen. In den Folgejahren traten Tocotronic (1996), Heather Nova (1998) oder Muse (1999) vor dem großem Ruhm in Haldern auf.

"Der gute Ruf hilft"

Erst im neuen Jahrtausend allerdings potenzierte das Festival seine Qualitäten als Sprungbrett: Keane, Emiliana Torrini, Kate Nash, Paolo Nutini, The Kooks, Kings of Leon, Phoenix, Polarkreis 18 — alle wurden sie kurze Zeit nach Haldern berühmt. Reichmann: "Der gute Ruf unseres Festivals hilft uns natürlich beim Verpflichten neuer Bands, Künstler wissen um unsere Aufmerksamkeit in Haldern, das hat über die Jahre eine erstaunliche Eigendynamik entwickelt, die bei beidseitigem Respekt natürlich für eine gute Ausgangssituation sorgt." Manchmal allerdings ist auch das Pop-Geschäft ein Haifischbecken; die Arctic Monkeys zum Beispiel hatten kurz vor ihrem Durchbruch für Haldern zugesagt, erinnert sich Reichmann. "Der Agent kam auf uns zu und fragte, ob die Band nicht hier spielen könnte, für geringes Geld. Damals waren die groß im Kommen." Drei Tage später bekamen sie ein anderes Angebot; und Reichmann sagt heute: "Es gibt Bands, die gehen immer den Weg des maximalen Profits und des geringsten Widerstands. Die sollen bei anderen Festivals spielen. Wir wollen keine Bands mit Euro-Filter auf der Nase."

Natürlich ist der Zwang, ständig neue Hypes zu entdecken, mitunter nervtötend, sagt auch Reichmann: "Es ist manchmal anstrengend, da dieser Markt sehr umworben ist und jede Sekunde deiner Aufmerksamkeit zu diesem Thema eingefordert wird, allerdings kompensiert die eigene Begeisterung von guter überraschender Musik dieses auch sehr oft und man lernt die einfachen Dinge wieder zu schätzen. Das Pfeifen von Andrew Bird oder das gemeinsame Singen mit Loney Dear", sagt Reichmann.

Villagers aus Dublin ein heißer Kandidat

Wer vom 12. bis 14. August das Festival besucht, darf mitmachen beim heiteren Rätselraten: Welche Band schafft 2010 den Durchbruch? Für Reichmann sind die Villagers aus Dublin ein heißer Kandidat. "Die haben sehr gute Melodien, die könnten es schaffen." Große Stücke setzt er auch auf The National, die mit ihrem neuen Album "High Violet" von den Feuilletons gerühmt werden. Vor zwei Jahren waren The National schon einmal in Haldern zu Gast. Reichmann: "Ihr Agent sagte mir das ihr Festivalauftritt 2008 ihr Durchbruch in Deutschland war." Auch das ist Teil des Haldern-Systems: Bands, die Haldern als Sprungbrett nutzten, kommen gerne wieder: Reichmann weiß auch, dass es ganz ohne alte Hasen nichts geht: Paul Weller, The Waterboys oder the Divine Comedy zählen zu den Stammgästen seines Festivals. Und Sven Regener, Sänger von Element Of Crime, erzählt gerne die Anekdote, dass das Haldern-Pop-Festival der erste Auftritt seiner Band war, bei der Element Of Crime auf dem Plakat nicht unter der Rubrik "...Und viele mehr" rangierten, sondern als Bandname ausgeschrieben wurden.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Erst Haldern, dann die Welt: Bands, die den Karrieresprung schafften