Düsseldorf: Skora damoi - schnell nach Hause

Düsseldorf: Skora damoi - schnell nach Hause

Ernst Meuser ist Düsseldorfer. Wie kein anderer. In der Kriegsgefangenschaft lernte er, seine Heimat zu lieben. Bis zum heutigen Tag.

Es ist 1948. Düsseldorf liegt noch weitgehend in Trümmern. Da kommt Ernst Meuser, 21 Jahre alt, nach drei Jahren Kriegsgefangenschaft im russischen Donezkbecken in Düsseldorf an. Mit der Rheinbahn will er zu seinen Eltern fahren und beim Schaffner eine Fahrkarte kaufen. Seine Gefangenenkleidung trägt er noch. Doch der Schaffner winkt ab. "Dich fahren wir umsonst." Ernst Meuser ist wieder in seiner Heimat. Es ist eine Schlüsselszene in seinem Leben.

Geboren wird Meuser am 17. Januar 1927 in Pempelfort an der Derendorfer Straße. Als 14-Jähriger beginnt er eine Buchbinderlehre. Die Gesellenprüfung macht er als Evakuierter in Thüringen, als er kurz darauf im Jahr 1944 zur Wehrmacht einberufen wird, als eigentlich alles schon verloren ist für das sogenannte Dritte Reich.

Sein Krieg ist ein schierer Rückzug durch Ostpreußen. Mitte März 1945 kommt Meuser in russische Kriegsgefangenschaft. "In Minsk musste ich zunächst zwei Jahre Schnee schüppen, als Hilfsarbeiter am Bau arbeiten", sagt Meuser. 1947 wird er ins Donezkbecken verlegt. Eigentlich beginnt dort seine Liebe zu Düsseldorf. "Dort war ein Kamerad, der auch aus Düsseldorf kam. Und wir haben viel in der Gefangenschaft über unsere Heimat gesprochen, vielleicht auch ein bisschen zu gut", sagt Meuser. Und die Russen? "Ich kann über die Russen nicht schimpfen", sagt Meuser ohne Groll.

Der Düsseldorfer hat Sehnsucht nach dem Rhein. Und er hat Glück. "Eine russische Ärztin hatte in den Unterlagen entdeckt, dass ich Buchbinder bin. Da bat sie mich um einen Gefallen", sagt Meuser. Der junge Mann soll ihr ein Fotoalbum binden. Die Frau war sehr zufrieden. "Für solche Spezialaufträge war damals Extra-Brot die erhoffte Belohnung", sagt Meuser.

Doch die Deutsch sprechende Ärztin hat ein besseres Geschenk für den Düsseldorfer. Nach drei Jahren darf Ernst Meuser nach Hause. "Skora damoi" - "Schnell nach Hause" lautet das geflügelte Wort der Russen für einen solchen Moment.

Zunächst geht es in das Lager Friedland bei Göttingen. "Zur Begrüßung sangen alle ,Großer Gott wir loben Dich'. Einen solchen Augenblick muss man erlebt haben, den kann man nicht beschreiben", sagt Meuser, seine Stimme erstickt.

In Eller trifft er seine Eltern wieder, und wird endlich mit Marmelade und Butter wie ein kleiner Junge verwöhnt und wieder aufgepäppelt. Doch was soll er arbeiten? "Einen Buchbinder brauchte zu jener Zeit wirklich keiner", sagt Meuser. Wieder hat er Glück.

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Über einen Freund bekommt er eine Stelle bei der Commerzbank an der Breite Straße, im oft scherzhaft Monetentempel genannten Gebäude. Dort sitzt damals noch der Vorstand. Und Meuser soll diesen bedienen. Später wird er das, was man heute Protokollchef nennt - 43 Jahre lang.

In dieser Funktion blüht der freundliche und höfliche Mann auf. Im Laufe der Jahre trifft er als gute Seele des Vorstands die Wirtschaftsgrößen der Nachkriegszeit: Kruppchef Berthold Beitz, Deutsche-Bank-Ikone Hermann-Josef Abs oder später Dresdner-Bank-Chef Jürgen Ponto, der 1977 von der Roten Armee Fraktion ermordet wird.

An seine Sehnsucht nach der Heimat in der Gefangenschaft erinnert er sich noch oft. Und sucht Gleichgesinnte, die die Heimat lieben. Er findet sie in zwei Bankern, die Mitglieder im Heimatverein Düsseldorfer Jonges sind. Sie werden seine Bürgen, und Meuser wird 1955 Mitglied des Vereins bei der Tischgemeinschaft "Nette alde Häre".

Da ist er gerade einmal 28 Jahre alt. Anfangs sitzt er nur zufällig am Tisch, weil er vorn ist und man gut die Bühne sehen kann. Doch man sagt ihm: "Wenn du nett bist, kannst du bleiben, wir sind alle nett." Er bleibt. 40 Jahre wird er als Pressesprecher das Gesicht der Jonges sein.

Zwei Stunden am Tag liest er Zeitung, um bei den Heimatabenden regelmäßig zu berichten, was in der Welt und natürlich in der Heimat Düsseldorf vor sich geht. Dafür wird er später mit der Brillantnadel der Jonges geehrt. Und Ehrenmitglied im Vorstand ist er natürlich auch.

Die Heimat ist ihm heilig. Er erinnert sich, als in seiner beruflichen Anfangszeit ein Berliner abfällig über Düsseldorf spricht - er verliert ausnahmsweise noch heute die Contenance und regt sich darüber auf. Über Düsseldorf herziehen: nicht mit Meuser. Düsseldorf als Heimat, das ist für Meuser nichts Ausgrenzendes. "Heimat ist da, wo man Freunde findet. Dafür muss man nicht in Düsseldorf geboren sein, aber man muss es lieben", ist Meusers Motto. Und er gesteht, dass bei aller Düsseldorf-Liebe ein Mensch kein Herz hat, wenn er am Fuß des Kölner Doms nicht ehrfürchtig Haltung annimmt.

Meuser ist kein ewig Gestriger. Der 91-Jährige verfolgt das Düsseldorfer Geschehen aufmerksam. Für den Wiederaufbau des Schalenbrunnens am Corneliusplatz trat er ein. Und eine Verlegung der Oper ist mit ihm nicht zu machen. "Eine Schnapsidee", sagt Meuser.

(tb)