Analyse: G8-Reform bringt Gymnasien viel Arbeit

Analyse : G8-Reform bringt Gymnasien viel Arbeit

Wenn der von Ministerin Sylvia Löhrmann einberufene runde Tisch am Montag die Reform des "Turbo-Abiturs" beschließt, dann kommt auf die Schulen einiges zu. Organisation und Koordination heißen die Herausforderungen - und Eigenverantwortung.

Noch fehlen die Unterschriften. Noch haben sich die Teilnehmer des runden Tisches zur Zukunft des achtjährigen Gymnasiums in NRW (G 8) nicht offiziell für oder gegen die Beibehaltung des "Turbo-Abiturs" ausgesprochen. Das soll sich am Montagabend ändern - dann will die Runde zum letzten Mal tagen. Viele Beobachter erwarten, dass sich am Ende eine klare Mehrheit für eine Überarbeitung des G 8 und gegen die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium (G 9) aussprechen wird.

Es ist also durchaus absehbar, was auf die gut 600 G 8-Gymnasien zukommt. Für viele bedeutet das großen Nachholbedarf. Denn das "Turbo-Abi" funktioniert bisher nur an denjenigen Schulen ordentlich, die Unterrichtskultur und -organisation grundlegend umgestellt haben. Diese Lehre gilt für den nächsten Reformschritt erst recht. Ein Blick auf drei wichtige Bausteine.

Lehrpläne: Der wichtigste und schwierigste Komplex der Reform-Empfehlungen. Im Entwurf heißt es, die schulinternen Lehrpläne für die Klassen fünf bis neun sollten "überprüft beziehungsweise gegebenenfalls neu erarbeitet werden". Dass das überhaupt Aufgabe der Schulen ist, liegt an einer gewandelten Didaktik: Die Lehrpläne des Landes legen heute nicht mehr fest, was genau wann zu lehren ist, sondern was die Schüler bis wann können sollen. Kompetenzen nennt man das. Neuntklässler in Deutsch sollen etwa Dramen analysieren und Gedichte interpretieren können - einzelne Texte nennt der Lehrplan nicht; das entscheidet die Schule.

Gunter Fischer weiß, dass es furchtbar viel Arbeit ist, aus den Ministeriumsvorgaben einen eigenen G 8-Lehrplan zu bauen - er leitet das Clara-Schumann-Gymnasium in Viersen-Dülken. In mehrmonatiger Arbeit hat er mit seinen Kollegen Fach-Curricula für seine Schule erstellt - mit ganz konkreten Lerninhalten. Entscheidend sei das, "weil von uns abhängt, dass wir Inhalte nicht doppelt behandeln oder weniger Wichtiges breit auswalzen". G 8 erfordert klares Zeitmanagement, auch in der Stoffplanung.

Unterrichtsorganisation: Um die G 8-Schüler zu entlasten, sieht der Empfehlungsentwurf des runden Tisches eine Reihe einzelner Maßnahmen vor: weniger Hausaufgaben, keine Hausaufgaben an Tagen mit Nachmittagsunterricht, grundsätzlich nur noch zwei Klassenarbeiten oder Klausuren pro Woche, wöchentlich nur einmal Nachmittagsunterricht in den Klassen fünf bis sieben, zweimal in den Klassen acht und neun, maximal acht Stunden pro Tag. "Das ist ein sehr, sehr großes Puzzle", sagt Fischer, "und die Lösung fällt nicht vom Himmel."

Kerstin Abs, Leiterin des Marie-Curie-Gymnasiums in Düsseldorf, spricht von einer "großen logistischen Aufgabe". Ihre Schule diskutiert dafür ein Wochenplan-Modell - Fachlehrer einer Jahrgangsstufe stimmen Lerninhalte für die kommenden Tage und Wochen ab. "Das fördert einerseits das eigenverantwortliche Arbeiten der Schüler", sagt Abs, "andererseits erleichtert es uns die Koordination der Klassenarbeiten und der Hausaufgaben und entlastet die Kollegen." Ein ziemlich weitgehender Eingriff in die Unterrichtsorganisation, räumt die Schulleiterin ein: "Aber nur so wird G 8 auf Dauer erfolgreich sein."

Kulturwandel: "Eine neue Anerkennungskultur" will der runde Tisch den Schulen angedeihen lassen - großzügigere Freistellung vom Unterricht für Ehrenamt, Jugendarbeit oder Sport, bessere Anerkennung für außerhalb der Schule erbrachte Leistungen. Kurz: Die grundlegende Abkehr vom Prinzip "Alles in der Schule", also eine Korrektur mancher Auswüchse der jüngsten Vergangenheit.

"An vielen Gymnasien hat es eine lange Tradition, dass das Schulleben ins Private ausgreift", sagt Kerstin Abs. "Trotzdem wird der Aufwand der Koordination mit den außerschulischen Partnern steigen." Denn je enger das Netz sei, desto besser: "Für mich etwa gehört es dazu, die Sportvereine im Stadtteil regelmäßig zu besuchen. Das macht viele Absprachen leichter."

Viel Verantwortung dürfte also auch künftig bei den Schulen liegen. Der Rest bei der Politik: Bis Ende des Jahres soll der Landtag die Reform beschließen. Die große Frage wird sein, wie viel Verbindlichkeit für die einzelnen Schulen dabei herauskommt. Löhrmann hat bereits signalisiert, dass ihr das wichtig ist. Denn G 8 in NRW ist nicht zuletzt an mangelnder Verbindlichkeit und zu unterschiedlicher Umsetzung beinahe gescheitert; frustrierende Erfahrungen vor Ort haben die öffentliche Meinung geprägt, nicht die von der grünen Schulministerin Sylvia Löhrmann immer wieder gepriesenen "Best Practice"-Beispiele. "Wir haben jetzt deutlich klarere Leitplanken", sagt Schulleiter Gunter Fischer: "Ich glaube, dass sie konkret genug sind, um G 8 an allen Gymnasien vernünftig umzusetzen." Auch in den Schulen gibt es also noch Optimisten.

(RP)
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