Stiftung Warentest: Verlorener Rechtsstreit kratzt am guten Ruf

Vor 50 Jahren gegründet : Stresstest für die Stiftung Warentest

Vor einem halben Jahrhundert gründete die Bundesregierung die Stiftung Warentest. Verbraucher vertrauen auf deren Urteil – von Sexualtonika bis Schreckschusspistolen. Doch ein verlorener Rechtsstreit hat den guten Ruf angekratzt.

Vor einem halben Jahrhundert gründete die Bundesregierung die Stiftung Warentest. Verbraucher vertrauen auf deren Urteil — von Sexualtonika bis Schreckschusspistolen. Doch ein verlorener Rechtsstreit hat den guten Ruf angekratzt.

Wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel am heutigen Donnerstag eine Festrede auf die Stiftung Warentest hält, dann ist die Welt voll von Internet-Bewertungsportalen, Preissuchmaschinen, Online-Testberichten. Als Bundeskanzler Ludwig Erhard 1964 in der Bundestagsdebatte die Gründung der Stiftung verteidigte, musste er sich von einem Vertreter des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) sagen lassen, man brauche keine Stiftung. Information über Werbung genüge schließlich.

Diese Geschichte erzählt der heutige Stiftungsvorstand Hubertus Primus in diesen Tagen genüsslich. Er weiß: In 50 Jahren hat sich die Stiftung Warentest, die am 4. Dezember 1964 von der Bundesregierung offiziell gegründet wurde, eine Glaubwürdigkeit bei den Verbrauchern erarbeitet, die in Deutschland ohne Vergleich ist.

Daran konnten sogar skurrile Tests von Pop-Konzerten (1980/Preise, Hallenausstattung, ärztliche Versorgung), Schreckschusswaffen (1974/Urteil: "Besser als Sprays"), Ehevermittlungen (1984), Beratungen zu Schönheitsoperationen (1995) und Sexualtonika (2001/Überschrift: "Der Härtetest") nichts ändern. Mehr als 92.000 Produkte wurden in 5400 Tests seit dem ersten Heft 1966 überprüft, zumeist Alltagsgegenstände, seit 1991 auch Finanz-Produkte in der Zeitschrift "Finanz-Test".

Die erste Schlappe vor Gericht

Die heute 330 Mitarbeiter der Stiftung entwerfen das Testdesign, die eigentlichen Überprüfungen übernehmen unabhängige Institute. 130 davon arbeiten im Auftrag der Prüfer. Viele Ergebnisse machten mächtig Wirbel (Kapitallebensversicherungen, verkeimte Mineralwässer, Bank-Berater), oft wird nachher prozessiert, praktisch nie verliert die Stiftung.

Der Bundesgerichtshof räumte ihr in zwei Urteilen 1975 und 1987 beim Festlegen des Prüfprogramms und bei Bewertung und Darstellung der Ergebnisse einen großen Beurteilungsspielraum ein. Daran scheiterte auch die Schauspielerin Uschi Glas mit Klagen gegen die miserable Bewertung ihrer Hautcreme vor rund zehn Jahren. Nach dem "mangelhaft" brach der Verkauf ein, der Hersteller ging pleite, Uschi Glas prozessierte — und verlor. Seither, tut sie kund, habe sie das Vertrauen in die Stiftung Warentest verloren.

Doch ausgerechnet das Jubiläumsjahr gerät für die Stiftung zu einem Stresstest. Der beispiellos gute Ruf hat Kratzer erlitten, erstmals verloren die Tester vor Gericht. Der Schokoladenhersteller Ritter Sport setzte im September durch, dass die Prüfer nicht mehr von irreführender Kennzeichnung der Haselnussschokolade berichten dürfen. Schadenersatz musste die Stiftung nach eigenen Angaben bisher noch nie zahlen. Und dabei blieb es in diesem Jahr womöglich auch nur, weil Ritter Sport darauf verzichtete. Rainer Kühl, Professor für Ernährungswirtschaft an der Uni Gießen, glaubt sogar, das Vertrauen in Testsiegel und Stiftung sei durch die Schlappe vor Gericht untergraben worden.

Die Sache mit dem Geld

Dabei hat die Stiftung eigentlich ein ganz anderes Problem: Geld. Denn die Unabhängigkeit, zu der das Kabinett Erhard die Stiftung vor einem halben Jahrhundert im Wirtschaftswunderland verpflichtete, hat ihren Preis. In den Zeitschriften "test" und "Finanztest" darf keinerlei Werbung auftauchen. Die getesteten Produkte müssen undercover von den Mitarbeitern gekauft werden, milde Gaben oder kostenfreie Testgeräte der Hersteller lässt die Stiftung nicht zu. Das kostete im Jahr 2013 rund 50 Millionen Euro. Allein der Test von eBikes im vergangenen Jahr kostete laut Stiftungssprecherin Heike van Laak rund 600.000 Euro.

Nur der Verkauf von Testmagazinen und Dienstleistungen auf der Internet-Seite deckt diese Kosten nicht. 2012 rutschte die Stiftung so ins Minus, und 2013 sorgte nur eine Finanzspritze aus dem Stiftungskapital für ein Plus von einer Million Euro. Noch heute gibt die Bundesregierung als Stifterin 5,5 Millionen Euro im Jahr dazu. Das war eigentlich nur bis 1969 vorgesehen. Eigentlich sollte sich der Verkauf der unabhängigen Testergebnisse selbst tragen. Doch das war auch das Einzige, womit die Gründer der Stiftung damals falsch lagen.

(RP)