Toter Säugling in Möchengladbach: Was tun, wenn Eltern überfordert wirken?

Toter Säugling in Möchengladbach: Was tun, wenn Eltern überfordert wirken?

Vor allem das erste Jahr nach der Geburt eines Kindes ist für Eltern eine Herausforderung. Nicht alle sind ihr gewachsen, das zeigt ein aktueller Fall aus Mönchengladbach. Was kann man tun, wenn man merkt, dass Eltern nicht zurechtkommen?

Wir haben mit Birgit Langer, Leiterin der Erziehungsberatung in Düsseldorf Rath bei der Caritas, über das Thema gesprochen.

In Mönchengladbach hat ein Vater seinen wenige Wochen alten Sohn erstickt, offenbar weil er nachts nicht lang genug schlafen konnte. Erleben Sie häufig, dass Eltern schon kurz nach der Geburt überfordert sind?

Langer Es kommt nicht sehr oft vor, aber wir haben diese Fälle, ja.

Was ist das Problem?

Langer Meistens sind das Eltern von einem bestimmten Temperament. Nicht jeder wird aggressiv, wenn das Kind schreit. Oder umgekehrt: In der Regel wissen Eltern, wie sie damit umgehen, wenn sie mal entnervt oder wütend sind.

Was ist mit Eltern, die tatsächlich aggressiv werden? Die das Baby zum Beispiel schütteln?

Langer Meistens sind das Eltern, die ohnehin kein besonders starkes Nervenkostüm haben. Sie haben in der Regel auch selbst in ihrer Kindheit nicht viel Geduld erfahren, oftmals haben sie auch Gewalterfahrungen gemacht. Wenn ihr eigenes Baby dann schreit und schreit, wissen sie häufig nicht, wie sie damit umgehen sollen. Sie haben es ja selbst nicht erlebt. Hinzu kommt, dass sich überforderte Eltern leider oft erst sehr spät Hilfe holen - wenn überhaupt.

Gibt es Warnsignale, an denen Verwandte, Bekannte oder Nachbarn erkennen können, dass die Eltern überfordert sind?

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Langer Gerade bei Babys ist das sehr schwierig. Das meiste passiert hier ja hinter verschlossenen Türen. Aber wenn man mitbekommt, dass Eltern viel aggressiv schreien, das Kind sehr viel schreit oder die Eltern immer übermüdet und gereizt wirken, dann sollte man doch hellhörig werden.

Und was sollte man dann tun?

Langer Freunde oder Verwandte sollten nachfragen, ob die Eltern Hilfe benötigen. Ihnen vielleicht auch konkrete Angebote machen, wie das Kind mal einen Nachmittag zu übernehmen. In einem ruhigen Moment kann man auch fragen, ob die Eltern vielleicht mehr Hilfe benötigen, zum Beispiel durch eine Beratungsstelle.

Was können Nachbarn tun?

Langer Nachbarn würde ich empfehlen zu klingeln, wenn sie merken, dass ein Kind permanent schreit. Es ist nicht leicht, sich bei Fremden einzumischen, aber wir erleben es immer wieder, dass Betroffene sehr froh sind, wenn sie von außen Hilfe angeboten bekommen. Haben sie einen sehr dringenden Verdacht, rate ich dazu sofort das Jugendamt anzurufen. Das wird dann prüfen, ob das Kindeswohl gefährdet ist oder ob die Eltern einfach Unterstützung brauchen.

Was raten Sie Eltern, die merken, dass sie selbst überfordert sind?

Langer Wichtig ist, frühzeitig für die eigene Entlastung zu sorgen. Dafür kann man die Großeltern bitten, mal einen Einkauf zu übernehmen. Verwandte oder Bekannte können mal einen Nachmittag auf das Kind aufpassen, damit man zur Ruhe kommen oder auch einfach mal schlafen kann. Man sollte sich vor allem bald Hilfe holen, wenn man merkt, dass man es nicht schafft. Es gibt nämlich auch eine Familienhilfe, die zu den Eltern nach Hause kommt und dort bei der Kinderversorgung hilft und Tipps für den richtigen Umgang gibt.

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(ham)