Napoleon-Syndrom: Das Problem der Möchtegerngroßen

Napoleon-Syndrom: Das Problem der Möchtegerngroßen

Vor einem Tiger hat jeder Angst. Vor einer Hauskatze nicht. Erst, wenn sie die Krallen ausfährt. Genauso machen es auch kleine Männer, die unter dem Napoleon-Syndrom leiden.

Herbert von Karajan, der einst durch musikalische Größe ins Auge fiel war dem Körpermaß nach eher ein Winzling. Bernhard Hoecker hat als Comedian großen Erfolg, würde was seine Körpergröße angeht jedoch eher übersehen. Gerhard Schröder, Silvio Berlusconi oder Wladimir Putin, der sich gerne als Mischung aus Indiana Jones und James Bond präsentiert — wären, böse gesagt allesamt Fälle für einen Platz in der ersten Reihe. Weil sie dort trotz ihrer geringen Körpergröße ohne Sichteinschränkung bestens sehen könnten.

Napoleon-Syndrom - der Kampf um Geltung

Klein zu sein mag eine ebensolche Laune der Natur sein wie besonders groß zu sein. Doch dichtet man ausgerechnet den kurz gewachsenen Männern gern einen Zusammenhang zwischen Körpergröße und Geltungsbedürfnis an. Je kleiner der Wuchs, desto größer der Minderwertigkeitskomplex. Dafür gibt es einen kompakten Begriff: Napoleon-Syndrom.

Kleineren Männern schreibt man aufgrund ihres physischen Mangels ein besonders ausgeprägtes Ellbogenverhalten, Egoismus, Machtwillen und Profilierungswillen zu. Die Beispiele, die dafür genannt werden, sind zahlreich. Da sind Despoten wie Hitler, Kim Jong II oder Hollywood-Stars wie Tom Cruise sowie Pop-Größen wie Prince. Letzterer kam trotz seiner Körpergröße von nur 1,50 Meter als Sänger und Sexsymbol zu Weltruhm.

In der Psychoanalyse wird der Napoleon-Komplex oft mit Alfred Adler verbunden. "Er war ein kleiner Mann, der die Individualpsychologie begründete und sich besonders mit dem Thema der Minderwertigkeit beschäftigte", sagt die Pulheimer Psychoatherapeutin Dunja Voos. Seiner Idee nach sei ein Zusammenhang zwischen der Köpergröße und dem Verhalten kleiner Männer zu beobachten.

Napoleon hatte keinen Kleine-Männer-Komplex

Verrückt nur, dass Adler ausgerechnet Napoleon zum Namensgeber des Komplexes machte. Dessen militärische wie auch amouröse Eroberungen ließen sich demnach auch auf seine geringe Körpergröße zurückführen. Doch hatte er mit einer Größe von 1,68 Meter für heutige Verhältnisse zwar kein besonders stattliches Maß, jedoch war im Vergleich zum Durchschnittsfranzosen seiner Zeit eher etwas größer. Für den nach ihm benannten Komplex taugt er deshalb kaum als Beispiel.

Stellt sich nur die Frage: Gibt es überhaupt einen Zusammenhang zwischen Körpergröße und Verhalten? Und wo genau liegt die Messlatte, die den Wert "klein" bestimmt?

Einen magischen Messpunkt für Männer haben offensichtlich die Medien geschaffen. Er liegt bei einem Meter und dreiundsiebzig Zentimetern. Ist man größer, ist die Welt in Ordnung. Liegt man drunter, gilt man als Zwerg. Es war der Oldenburger Bibliothekar Günther Willen der bei der täglichen Zeitungslektüre die seltsame Entdeckung machte, dass kleine Männer dort meist mit der Angabe ihrer Körpergröße versehen werden, große Männer hingegen nicht. Das nun brachte ihn dazu, das Phänomen "kleiner Mann" genauer unter die Lupe zu nehmen und im Buch "Das große Buch der kleinen Männer" alles zusammenzutragen, was ihm dazu in die Finger fiel.

Die Nachteile der Kleinen

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Das Ergebnis: Große Männer werden bei Jobs bevorzugt. Sie gelten als entscheidungsfreudiger, risikobereiter und beruflich erfolgreicher. Die australischen Forscher Andrew Leigh und Michael Kortt konnten in einer Studie gar belegen, dass große Männer mehr verdienen. Hier liegt die Messlatte bei 1,72 Metern. Menschen mit fünf Zentimetern mehr haben jährlich 950 Dollar mehr im Portemonnaie als die kleineren Kollegen.

Der Wirtschaftshistoriker Guido Heineck hat den Zusammenhang zwischen Körpergröße und Gehaltshöhe auch für deutsche Männer statistisch bewiesen. Er kommt zu dem Ergebnis, dass trotz gleicher beruflicher Qualifikation jeder Zentimeter jenseits des Durchschnitts von 1,79 ein Gehaltsplus von 0,6 Prozent bedeutet. Er kommt bei einem Größenunterschied von zehn Zentimetern auf bis zu 2000 Euro mehr Gehalt im Jahr.

Damit nicht genug: Es gibt "in der psychologischen Forschung Hinweise darauf, dass Körpergröße von Dritten unbewusst mit Stärke, Selbstbewusstsein und Durchsetzungsvermögen gleichgesetzt wird", sagt Guido Heineck. Dies könne sich zum Beispiel bei Vorstellungsgesprächen oder Beförderungen zum Nachteil von kleineren Menschen auswirken. Kein Wunder also, dass Humphrey Bogart (1,65 Meter) den Film Casablanca auf Plateauschuhen drehte, um Ingrid Bergmann auf Augenhöhe zu begegnen und dass Altbundeskanzler Helmut Schmidt (1,72 Meter) dafür bekannt war, Blockabsätze zu tragen.

Frauen mögen die Größeren

Selbst bei der Partnerwahl scheinen kleine Männer im Nachteil. Eine Umfrage des Partnerportals ElitePartner ergab, dass sich 78 Prozent von 4000 befragten Singlefrauen einen größeren Partner wünschen. Zu ähnlichem Ergebnis kam auch eine Metaanalyse, die der Wirtschaftspsychologe Charles A. Pierce anstellte. Auch er ermittelte eine höhere Anziehungskraft größerer Männer auf Frauen. "Der große Mann bedeutet Schutz. Kleine Männer wissen das und versuchen vielleicht dadurch häufiger, die fehlende Körpergröße durch andere Größen wie zum Beispiel Wissen oder Humor zu kompensieren", sagt Voos.

Auch die Evolutionsbiologie spielt bei der Entscheidung für mehr Körperlänge eine gewisse Rolle. Das zeigt sich bei Frauen, die ihren Eisprung haben. Auf der Suche nach einem gesunden Erzeuger ihres Nachwuchses tendieren sie unbewusst zu größeren Männern. Psychologisch betrachtet könnte auch die unbewusste Phantasie des "Überwältigt-Seins" durch einen größeren Partner eine Rolle spielen, sagt Voos. Neben solch psychologischen Effekten steht hinter der Wahl des größeren Partners offenbar jedoch auch eine Art soziale Norm, laut der der Mann größer sein sollte als seine Partnerin. Zu diesem Ergebnis kommt jetzt der Psychologe Gert Stulp von der Universität von Groningen.

Die Tugenden der Kleinen

Dumm gelaufen also für die Kleinen? Nein, denn wenn auch kleine Männer laut einer Umfrage des Deutschen Instituts für Wirtschaft weniger risikofreudiger sind, so ordnen Psychologen ihnen jedoch Tugenden wie Ausdauer, Zielstrebigkeit, Ehrgeiz und Optimismus zu. Der Grund: Kleine Menschen bemerken angeblich bereits früh im Leben, dass sie mehr leisten müssen als große. Sie boxen sich also durch und das nicht selten bis ganz nach oben.

Allerdings auch mit wenig erfreulichen Nebenwirkungen, die sich ebenfalls im Verhalten zeigen. Das Gefühl klein zu sein, fanden Forscher der Universität Oxford heraus, macht Menschen eher paranoid, misstrauisch und ängstlich. Demnach glaubten kleine Personen eher, dass Leute sie anstarren oder über sie reden. Was belegt: Die Körpergröße nimmt nicht nur Einfluss auf die Wahrnehmung durch andere, sondern auch auf das Selbstbild.

Bei allem Für und Wieder in Sachen Napoleon-Komplex zeigt ein Blick in den Diagnoseschlüssel für Krankheiten ICD der WHO: das Napoleon-Syndrom ist hier nicht zu finden. Eine Krankheit ist es also nicht.

(wat)