Lispeln, Holpern, Fantasiewörter : Sprechen lernen - was Kinder wann können sollten

Weil Kinder unterschiedlich schnell sprechen lernen, ist es für Eltern schwer zu beurteilen, ob das eigene Kind altersgerecht spricht. Was der Nachwuchs wann können sollte und wann man von einer Sprachentwicklungsstörung spricht.

„Ja! Schimmen!“, jubelt der fast dreijährige Max und rennt los, um seine Badehose zu holen. Seine Mutter versetzt das in Sorge. Ist es normal, dass Max Laute auslässt? Hört er nicht gut? Hat er womöglich eine Sprachstörung?

In einem Alter, in dem Kinder anfangen, was sie sehen, erleben und was sie beschäftigt, in Sprache zu fassen, tun sich wie in anderen Bereichen Unterschiede auf. Während der eine schon selbstverständlich mitteilt, was er möchte, sprechen andere Kinder noch unvollständige Sätze oder machen Fehler in der Aussprache. Nicht in jedem Fall steckt jedoch gleich eine Störung, sagt Logopädin Sonja Utikal vom Deutschen Bundesverband für Logopädie.

Störungen der Aussprache gehören in diesem Alter zu den häufigsten Auffälligkeiten in der Entwicklung. Insgesamt sind Jungen davon häufiger betroffen als Mädchen. „Etwa zehn Prozent der Kinder haben eine Sprachentwicklungsstörung“, sagt Annerose Keilmann, HNO-Ärztin und Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie.

Kinder, die Probleme mit der Grammatik und dem Satzbau haben oder über einen zu geringen Wortschatz verfügen, weisen eine Sprachentwicklungsstörung auf. Auch Kinder, die Laute nicht richtig unterscheiden können - also zwischen Wörtern wie „Wanne“, „Tanne“ oder „Kanne“ keinen Unterschied hören und die Laute falsch verwenden - leiden laut Keilmann unter einer solchen. Sie sind therapiebedürftig. Das heißt: Eltern sollten frühzeitig mit dem Kinderarzt oder anderen Fachärzten wie HNO-Ärzten oder Fachärzten für Phoniatrie und Pädaudiologie über solche Auffälligkeiten sprechen.

Symptome dieser oft auch genetisch bedingten Problematik:

  • Im ersten Lebensjahr hält das Kind keinen Blickkontakt oder bleibt stumm, statt mit erstem Brabbeln, auch Lallphase genannt, zu beginnen.
  • Mit zwei Jahren beherrscht das Kind weniger als 50 Wörter oder kann noch keine Zweiwortsätze sprechen. Es macht den Eindruck, als könne es nicht verstehen, was man ihm sagt.
  • Mit rund drei Jahren versteht das Kind einfache Geschichten nicht oder ist nicht in der Lage, Dreiwortsätze zu bilden.
  • Auch im Alter von vier Jahren bildet das Kind grammatikalisch unkorrekte Sätze, kann einfache Inhalte nicht wiedergeben und redet undeutlich.

Weniger besorgniserregend sind oft diese Auffälligkeiten, wenn sie vorübergehender Natur sind:

  • Das Auslassen von Lauten (schimmen statt schwimmen) oder das Ersetzen von Lauten durch andere – wie bei dehüpft statt gehüpft – kommt häufig vor. Das ist oft Teil des normalen Spracherwerbs und weist nicht zwangsläufig auf eine ernste Störung hin. Auch Wortverkürzungen wie Nane statt Banane gehören dazu.
  • Das Vertauschen von Silben – wenn beispielsweise ein „sch“ durch ein „s“ ersetzt wird – muss nicht sofort besorgniserregend sein. Bei einem dreijährigen Kind ist es noch vollkommen undramatisch, wenn es statt Tasche „Tasse“ sagt. „Mit vier Jahren machen das nur noch 20 Prozent aller Kinder. Mit fünf Jahren aber ist der gesamte Lauterwerb abgeschlossen“, sagt Logopädin Sonja Utikal, vom Deutschen Bundesverband für Logopädie. Spätestens dann sollten keine Lautersetzungen mehr auftreten.

„80 Prozent aller Kinder zeigen zwischen dem zweiten und vierten Lebensjahr physiologische Unflüssigkeiten beim Sprechen“, sagt Keilmann. In dieser Zeit gelten das Wiederholen von Silben oder Wörtern, Dehnungen, das Innehalten im Sprechfluss oder andere Sprechunflüssigkeiten nicht zwangsläufig als auffällig. Oftmals sind auch sie sie Teil der normalen Sprachentwicklung und vergehen wieder. Ebenso verhält es sich mit manchen Formen des Lispelns, in der Fachsprache auch als Sigmatismus bezeichnet. Immer häufiger weisen sogar Moderatoren im Radio oder Fernsehen dieses Merkmal auf. Beim verstorbenen Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki galt das Lispeln gar als Markenzeichen.

Behandlungsbedarf bestehe jedoch dann, wenn Betroffene unter der Auffälligkeit leiden oder die Zahnstellung in Mitleidenschaft gezogen wird. Denn aus einer falschen Ruhelage der Zunge und einer permanent beim Sprechen und Schlucken an die Zähne drückenden Zunge könne sich eine Zahnfehlstellung entwickeln, sagt Utikal. Stoßen Kinder beispielsweise durch den Zahnwechsel bedingt mit der Zunge durch die Zähne, macht es nach Informationen Keilmanns oft erst mit Fortbestehen des Problems über den Zahnwechsel hinaus Sinn, therapeutisch einzugreifen. Wie erfolgreich die Behandlung ist und ob sich dadurch eine Verbesserung von Zungenfunktion und Aussprache erreichen lässt, ist allerdings laut Utikal stark von der Mitarbeit der Betroffenen abhängig.

Um Sprachentwicklungsstörungen rechtzeitig zu entdecken, enthalten die Vorsorgeuntersuchungen beim Kinderarzt ab der U3 ein Screening, das die altersgerechte Sprachentwicklung überprüft. Denn ab dem dritten Lebensmonat beginnen Kinder bereits, mit den Sprechorganen zu experimentieren und Lallsequenzen zu produzieren. Gehörlose Kinder brabbeln nur in den ersten Monaten und verstummen dann.

Als altersgerecht gelten bei der U6 zwischen dem zehnten und zwölften Lebensmonat beispielsweise noch Vereinfachungsprozesse beim Sprechen wie die Silbenverdopplung. Aus „Ball“ kann dann „Baba“ werden oder aus „Löffel“ „Löffe“. Auch Vereinfachungen der Konsonanten sind nicht grundsätzlich besorgniserregend (Beispiel: Bot statt Brot).

Besonders bei der U7 und U7a, die Kinder im Alter von zwei bis drei Jahren beim Kinderarzt durchlaufen, wird ein Schwerpunkt auf die Entwicklung des Sprachverstehens gelegt. Das Kind sollte mit Ende drei alle Laute korrekt aussprechen können. Einzige Ausnahme: Zischlaute wie „s“, „sch“ und „ch“. Die normale Sprachentwicklung sollte laut der Experten mit vier bis fünf Jahren abgeschlossen sein. Das Kind sollte sich dann mit einfacher, aber korrekter Grammatik verständigen können und über einen seinem Alter entsprechenden Wortschatz verfügen.

Eltern können diese Entwicklung nicht beliebig beschleunigen, denn er ist durch die biologischen Gegebenheiten vorgegeben. Dennoch können sie ihr Kind im Spracherwerb unterstützen:

  • 1. Beschäftigen Sie sich mit ihrem Kind und nehmen Sie Blickkontakt auf. Den Nachwuchs sehr früh nach vorne gerichtet im Kinderwagen vor sich herzuschieben, hat einen entscheidenden Nachteil: die Bezugsperson anzusehen, ist nahezu unmöglich. Wer sich jedoch dem Kind zuwendet, kann auf den Fingerzeig des Nachwuchses, gefolgt von einem „Da, da, da“ reagieren und das Gezeigte benennen. – „Da? Ja, da ist ein Hund.“
  • 2. Begleiten Sie Dinge sprachlich, die Sie im Alltag tun. Benennen Sie Dinge um sich herum oder Dinge, für die das Kind Aufmerksamkeit zeigt. Hingegen macht es keinen Sinn, Sprache isoliert zu üben und das Kind ohne Zusammenhang aufzufordern: „Sag mal: ‚Bilderbuch’!“
  • 3. Nehmen Sie Ihrem Kind das Sprechen nicht ab. Konkret heißt das: Reichen Sie nicht bei jedem Verständigungslaut gleich das Gewünschte an. „Nutzen Sie Lautäußerungen wie „b“ oder „da“, um in Kommunikation zu treten. Sätze wie „Ja, meinst du die Flasche oder das Glas?“ helfen dem Kind, neue Begriffe zuzuordnen und zu erlernen.
  • 4. Betrachten Sie gemeinsam mit Ihrem Kind Dinge – zum Beispiel ein Bilderbuch - und reden Sie über das, was Sie und das Kind sehen.
  • 5. Spricht das Kind ein Wort falsch aus, korrigieren Sie am besten, indem Sie das Wort richtig aussprechen, also den richtigen Klang betonen. Experten bezeichnen das als „corrective feedback“. Das Kind muss dabei das Wort nicht selbst nochmals wiederholen. Es reicht, dass es den richtigen Klang im Ohr hat, um es zu lernen.
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