Was sehen Kinder auf dem Handy? Was raten Experten zum Schutz?

Nicht folgenlos: Wissen Sie, was Ihr Kind auf dem Smartphone sieht?

Schon Grundschüler haben oft ein eigenes Smartphone und damit Zugang zu Busfahrplänen, aber auch Gewaltvideos und Pornos. Wir erklären, wie Eltern gegensteuern können.

Im Sommer 2016 erschießt ein 18-jähriger Amokläufer am Olympia-Einkaufszentrum wahllos neun Menschen. Die Polizei fürchtet umstellt das ganze Wohnviertel auf der Suche nach dem Täter. Live dabei: eine Neun- und eine Zwölfjährige. Nicht auf der Straße vor den Polizeisperren, aber über die Live-Streaming-App Periscope.

In Echtzeit sehen sie, wie ein Waghalsiger selbst sein Leben in Gefahr bringt und die Lage vor dem Einkaufszentrum filmt. Neben diesem Stream stoßen die Kinder im Netz auch schnell auf ein Video, das zeigt, wie der Amokläufer aus einem Fastfood-Restaurant läuft und beliebig auf die umherlaufenden Menschen zielt. Ihre Eltern wissen nicht, was die Kinder sehen. Denn sie versuchen indessen besorgt Kontakt zu den Großeltern herzustellen, die sich zu diesem Zeitpunkt irgendwo in München befinden. Vielleicht genau dort? Erst später werden sie darauf aufmerksam, dass der Nachwuchs die verstörenden Streams gesehen hat.

Kinderaugen sehen im Netz vieles. Sie gucken dabei zu, wie Tiere gequält werden oder sogar Menschen. Sie können unverpixelte Hinrichtungen des IS sehen, Szenen aus Horrorfilmen oder Pornografie. Gerade erst veröffentlichten die Universitäten Münster und Hohenheim das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage unter 14- bis 20-Jährigen. Fast die Hälfte von ihnen gibt an, bereits unfreiwillig "Hardcore-Pornografie" gesehen zu haben. Der Erstkontakt findet immer früher statt. Im Durchschnitt waren die Jugendlichen zu diesem Zeitpunkt 12,7 Jahre alt.

Jedes zehnte chattende Mädchen wurde laut einer 2014 Studie aufgefordert, sexuelle Handlungen an sich auszuführen, sagt Cyberpsychologin und Buchautorin, Catrin Katzer. Genannt wird dieses Phänomen Grooming. Was Katzer ebenfalls in dieser Studie feststellte: Jeder Zweite wird im Netz sexuell angesprochen. "Diese Zahlen werden heute eher noch höher geworden sein", sagt sie.

Experten verwundert all das nicht. Denn knapp zwei Drittel der Acht- bis 14-Jährigen können mit dem Smartphone ins Netz, also ohne jede Aufsicht. Schon in einer 2015 erschienen Studie der Mannheimer Medienwissenschaftlerin Karin Knop zeigte sich: 46 Prozent der Teenager haben den ganzen Tag ein Handy oder Smartphone bei sich; bei 38 Prozent liegt das Gerät zumindest die Hälfte des Tages in Reichweite.

Damit bekommen sie den Vollzugriff auf die komplette Erwachsenenwelt — das Internet als Spiegel des realen Lebens, mit allen extremen Randbereichen. Oft verdrängt, aber dennoch wahr: Selbst vermeintlich harmlose Websites wie Google, Youtube oder Facebook können zu problematischen Inhalten führen. Darauf weist Günter Steppich hin, Referent für Jugendmedienschutz am Hessischen Kultusministerium auf der Website medien-sicher.de. Er schlägt einen Selbsttest vor: "Geben Sie nur einmal in der Google Bildersuche das Wort 'eklig' ein." Die Frage dabei sei nicht, wann man dies dem Kind erlauben wolle, sondern wann man es ihm zumuten könne.

  • Essay : Nerv nicht, Smartphone!

Immer wieder werden über Text-Nachrichtendienste wie WhatsApp verstörende Kettenbriefe verschickt, in denen Kindern beispielsweise mit dem Tod naher Angehöriger gedroht wird, sofern sie die Kettennachricht nicht weiterleiten. Im Sommer warnten Schulen vor dem Spiel "Blue Whale", das Teenager vor verschiedene gefährliche Aufgaben stellte, zu Selbstverletzung und sogar Selbsttötung aufrief. Gewaltvideos wie beispielsweise vom Tschetschenienkrieg werden über Instant-Messenger im Klassenchat veröffentlicht.

Wie furchtbar die Folgen solch ungefilterter Informationsflut sein können, zeigte sich in den USA, als ein Zehnjähriger sein Leben verlor, weil er die Hinrichtung Saddam Husseins am Galgen nachspielte. Versehentlich erhängte sich dabei an seinem Etagenbett. Manchmal werden Eltern relativ früh auf problematische Mediennutzung aufmerksam. "Zum Beispiel dann, wen sich am Verhalten der Kinder merklich etwas verändert", sagt Knop. Schlaflose Nächte in den Kinderzimmern sind dabei der weitaus beste Fall. Der schlechtere sind posttraumatische Belastungsstörungen, sagt Catarina Katzer. Früher habe man diese nach selbst erlebten traumatischen Erlebnissen entwickelt. "Heute sehen wir solche Folgen nach dem Erleben über Netzinhalte", sagt Katzer. Je jünger die Zuschauer, desto extremer die Wirkung. Kinder schauen ohne Distanz zu. "Sie können das nicht trennen", sagt sie — und verarbeiten ebenso wenig.

In Panik davor, dass den eigenen Kindern solche Dinge begegnen können, entscheiden sich manche Eltern für die Vollüberwachung des Nachwuchses. Diese umfasst nicht nur das Überprüfen des Handys auf kritische Inhalte. Über Ortungssysteme lassen sich bis auf wenige Meter genau Aufenthaltsorte von Kindern bestimmen. Dieses Vorgehen hat einen großen Nachteil: "Es schult die Fähigkeit zur Selbstregulation nicht", sagt Katzer.

Denn die Eltern sind zwar in der Pflicht, wenn sie problematische Inhalte auf dem Handy des Kindes vermuten. Sie verletzten ihre Fürsorgepflicht und verstoßen gegen das Jugendschutzgesetz, wenn sie dem nicht nachgehen. Doch bei aller Sorge um das Wohl des Kindes, gilt auch das Persönlichkeitsrecht des Heranwachsenden. Je älter das Kind, desto schwerer wiegt sein Recht auf Privatsphäre. Katzer rät darum dazu, Kinder im Grundschulalter mittels Apps wie "Kido'z" oder "Kids Place" vor kritischen Inhalten zu schützen.

Problem allerdings: Sowohl solch inhaltliche Kinderschutzfunktionen als auch die Möglichkeit zur zeitlichen Begrenzung der Smartphone-Nutzung sind vielen Erwachsenen nicht bekannt. Weiterhin zeigt die Studie von Karin Knop, dass viele Erwachsene unter selbst so wahrgenommener Machtlosigkeit, Kontrollverlust oder Überforderung leiden. Den Kindern wiederum fehlt es nach Meinung des Münsteraner Medienpädagogen Johannes Wentzel an kritischer Distanz.

Der einzige Weg aus dieser Misere ist laut Katzer, bereits frühzeitig mit einer gemeinsamen Auseinandersetzung mit den Netzinhalten und der Handynutzung zu beginnen. Eltern haben Vorbildfunktion. Diese solle man nutzen. Ihre Tipps dazu:

(wat)