Pro und Contra: Wann sich arbeiten von zu Hause wirklich lohnt

Pro und Contra : Wann sich arbeiten von zu Hause wirklich lohnt

Nach der umstrittenen Entscheidung von Yahoo-Chefin Marissa Mayer, haben wir zusammengefasst, in welchen Fällen sich die Arbeit von zu Hause lohnen kann, und welche Argumente dagegen sprechen.

Das Modell Home-Office findet zunehmenden Anklang in vielen Unternehmen. War das Arbeiten von zu Hause früher meist den Selbstständigen vorbehalten, nutzen inzwischen auch mehr und mehr Angestellte die eigenen vier Wände.

Nachdem die Chefin des Internetunternehmens Yahoo sich aktuell dazu entschieden hat, die Heimarbeit in ihrer Firma zu beenden, fragt sich jedoch, inwiefern sich dieses Konzept für Firmen und ihre Mitarbeiter eignet. Tatsächlich hat die Arbeit von zu Hause viele Vorteile gegenüber dem Großraumbüro, birgt zugleich aber auch verschiedene Risiken.

Die Hauptvorteile des Home-Office

"Die effizientere Zeiteinteilung ist ganz klar der große Vorteil der Heimarbeit", sagt Horst Zieger, Personalberater bei ZMC Management. Denn selbst wer in einem gut strukturierten Büro arbeitet, ist von Störfaktoren umzingelt: Kollegen führen laute Telefonate während Andere versuchen sich zu konzentrieren, zwischendurch brauchen einige Hilfe mit dem neuen Computersystem, oder wollen sich über das Fußballspiel von gestern unterhalten. Dann ruft vielleicht noch ein Kunde an, wenn man eigentlich gerade zu einem Termin müsste. In den eigenen vier Wänden hingegen finden Arbeitnehmer die nötige Ruhe für ihre Aufgaben.

Aber nicht nur für den Arbeitnehmer kann Heimarbeit von Vorteil sein, auch Arbeitgeber können davon profitieren. "Wo ein langer Anfahrtsweg eingespart werden kann, können die Mitarbeiter sich stattdessen direkt ihren Aufgaben widmen", sagt Zieger, "Das ist dann eine Win-Win-Situation." Vor allem für Unternehmen mit großen Außendienst-Netzwerken könne Heimarbeit so die Produktivität steigern.

Obwohl im Home-Office oft eine Möglichkeit gesehen wird, Beruf und Familie komfortabel miteinander zu vereinbaren, sieht Zieger dies kritisch. "Arbeiten im Home-Office kann eigentlich nur effizient funktionieren, wenn es für die Familie während der Arbeitszeit im Grunde so ist, als wäre der Papa überhaupt nicht da." Sonst ginge ein Hauptvorteil der Heimarbeit — nämlich die Abwesenheit von störenden Ablenkungen durch das Büroumfeld — verloren. Dieses Problem kann zum Beispiel gelöst werden, indem sich Berufstätige ein getrenntes Arbeitszimmer einrichten.

Produktivität in der Gruppe: Arbeit von zu Hause kann auch Nachteile haben

Doch schon das Einrichten dieses Arbeitsplatzes kann ein Hindernis in Sachen Home-Office darstellen. Zwar haben viele einen heimischen Computer, die nötigen Programe und das technische Equipment fehlen jedoch meist. Auch ein abgetrennter Arbeitsraum, muss in manchen Wohnsituationen erst geschaffen werden.

Ein weiteres Argument gegen das Arbeiten von zu Hause könnte ein Effekt sein, der in einer Studie des Bonner Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) erforscht wurde. Demnach kann das Arbeiten außerhalb des Büros die Produktivität auch hemmen. Sie ließen Studenten in einer Gruppe oder alleine zu Hause Briefe eintüten. Die in der Gruppe Arbeitenden schafften im Schnitt 30 Briefe mehr. Zurückzuführen ist dies auf die fehlende soziale Kontrolle und Motivation durch Kollegen. Auch wenn diese eher unbewusst entsteht, lassen Angestellte sich von anderen Mitarbeitern beeinflussen. Sie versuchen zum Beispiel das gleiche Pensum zu erreichen, wie der Kollege am Nachbartisch und bleiben auch nicht länger in der Mittagspause, als vorgegeben.

Auch Zieger ist der Meinung, dass nicht alle Menschen für die Heimarbeit geeignet sind. "Manche Menschen brauchen einfach die Außenstrukturen des Arbeitsumfelds für ihre Motivation", erklärt er. Laut Zieger eignen sich etwa 60 bis 70 Prozent der Arbeitnehmer für das Home-Office.

Zusätzlich nimmt der persönliche Bezug zum Arbeitsplatz und dem Arbeitgeber ab. Bei ständiger Abwesenheit im Büro, kann es vorkommen, dass der soziale Kontakte zu Kollegen oder dem Chef abbricht. Da Arbeitsverhältnisse oft auf Geben und Nehmen basieren, besteht für Mitarbeiter, die diese Strukturen nicht mittragen eine Ausgrenzzungsgefahr. Darunter kann im schlimmsten Fall auch die Karriere leiden. Die eingeschränkte Kommunikation kann außerdem zu Problemen in den Abläufen führen. Besonders betrifft dies Angestellte, deren Aufgaben in enger Absprache mit anderen Abteilungen koordiniert werden. Zwar kann man den Kollegen auch von zu Hause aus anrufen, doch verweist der auf einen weiteren Mitarbeiter, kann es mühselig werden. Da ist es eventuell doch einfacher, wenn man zum Schreibtisch des entsprechenden Kollegen gehen kann, und ihn persönlich zu fragen.

Fazit: Das Home-Office ist gut - aber nicht für jeden

Das Arbeiten im Home-Office hat also zwei Seiten, eignet sich nicht für jeden und sollte unbedingt vom Unternehmen mit Fortbildungsmaßnahmen begleitet werden. Zudem muss die Infrastruktur im Unternehmen vorhanden sein, um die räumlich getrennten Mitarbeiter gut zu koordinieren. Zieger erinnert sich an den Fall einer mittelständischen Firma, die sich für Arbeit zu Hause entschied. "In der Struktur des Unternehmens gab es aber kein ausreichend großes Management-Team, um die gemeinsame Arbeit zu organisieren", erklärt er "Dadurch gab es dann einen Einbruch statt einer Steigerung der Produktivität."

Die Entscheidung von Yahoo, das Arbeiten im Home Office komplett abzubrechen, hält er für etwas radikal. "Ich kenne den Fall natürlich nicht genau, aber vielleicht hätte man sich erst einmal ernsthafte Gendanken machen können, warum das Arbeiten zu Hause in diesem Fall nicht funktioniert. Man muss auf der anderen Seite auch sehen, dass Yahoo jetzt viel investieren muss, um Arbeitsplätze für die neuen Kollegen im Büro zu erstellen." Außerdem, erklärt er, wisse man auch nicht, wie das Klima im Büro sich mit den vielen neuen Leuten verändern wird.

(anch/sap)
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