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Aufschlussreiche Postkarten: Schon Thomas Mann twitterte

Aufschlussreiche Postkarten : Schon Thomas Mann twitterte

"Katja lässt fragen, ob ihr nächsten Freitag bei uns zu Abend essen mögt", steht auf einer der Postkarten von Thomas an seinen Bruder Heinrich Mann. Derlei würde man heute per SMS oder Twitter fragen – und die Nachwelt würde nie davon erfahren. Damals nutzte man freilich ein traditionelleres Medium. Diese Postkarten geben noch heute spannende Einsichten.

"Katja lässt fragen, ob ihr nächsten Freitag bei uns zu Abend essen mögt", steht auf einer der Postkarten von Thomas an seinen Bruder Heinrich Mann. Derlei würde man heute per SMS oder Twitter fragen — und die Nachwelt würde nie davon erfahren. Damals nutzte man freilich ein traditionelleres Medium. Diese Postkarten geben noch heute spannende Einsichten.

Vor einem Jahrhundert schrieb man rasch eine Postkarte, ohne literarischen Anspruch, einfach, um sich wieder einmal zu melden, oder weil man im letzten Brief vergessen hat, mitzuteilen, "dass ich jetzt immer Yoghurt trinke und es Dir, wenn Du's noch nicht probiert hast, sehr empfehlen kann. Es ist wohlschmeckend und leicht abführend."

81 Postkarten haben die Enkel von Heinrich Mann im Nachlass ihrer Mutter gefunden und dem Buddenbrookhaus angeboten. Nach zweijähriger Verhandlung hat die Lübecker Thomas-Mann-Gesellschaft das Paket gekauft. Der Preis wird zwar nicht verraten, aber wenn dafür die Kulturstiftung der Länder, das Staatsministerium für Kultur und Medien sowie zwei Lübecker Stiftungen zusammenlegen mussten, wird es wohl eine erkleckliche Summe gewesen sein.

Umso mehr wird der Fund nun als Sensation angepriesen. Hans Wißkirchen, Direktor der Lübecker Museen, ist überzeugt, dass sich hier eine neue Seite des jungen Thomas Mann zeigt: "Ein moderner, frischer, lebenszugewandter Autor, frei von jeder Selbststilisierung."

Überdenken müsse man jetzt auch das Verhältnis zwischen den beiden Brüdern. Tatsächlich war bisher vor allem vom Bruderzwist im Hause Mann die Rede. Der vier Jahre jüngere Thomas Mann unterschied sich vom Erstgeborenen in jeder Hinsicht: Heinrich war der politische Kämpfer und der sinnliche Lebemann, Thomas dagegen der selbstquälende Grübler, der gegen sein homoerotisches Begehren kämpfte, und nach dem Familienroman "Buddenbrooks" (1901) lange glaubte, nichts Gutes mehr geschrieben zu haben, wie er seinem Bruder in einem düsteren Brief anvertraute.

Als er aber 1915 in einem Essay von Heinrich Mann einen Seitenhieb auf jene Autoren fand, die "früh vertrocknen", da warf auch er den Fehdehandschuh. In den "Betrachtungen eines Unpolitischen" schoss er Pfeil um Pfeil gegen "Zivilisationsliteraten", wie er die Verfasser von politisch engagierten Zeitromanen nannte — und damit meinte er natürlich seinen Bruder, den Autor von "Professor Unrat" (der später durch den Film "Der blaue Engel" mit Marlene Dietrich berühmt wurde).

Die Funkstille zwischen den beiden Brüdern lässt sich auch in dem aktuellen Postkartenfund ablesen: Zwischen 1915 und 1922 fehlen die zutraulichen Lebenszeichen von Thomas Mann. Dass die beiden Brüder trotz aller Konkurrenz sehr aneinander hingen, wusste man allerdings schon.

Tochter Erika Mann stellte fest, dass ihre Zuneigung asymmetrisch war: "Bis zu Bruch und Versöhnung war Thomas der Liebende (weil Leidende) gewesen. Schließlich, gegen Ende, stand es umgekehrt." War die kühle Arroganz also jeweils Sache des Erfolgreicheren? Auf den 14 Karten, die das Buddenbrookhaus noch bis zum 6. Januar der Öffentlichkeit präsentiert, gibt es aber ein wirkliches Geheimnis: Ein gezeichneter Frauenkopf, dessen Identität noch ungeklärt ist.

(RP/csi)