Jaki Liebezeit: Michael Rother erinnert an den Can-Schlagzeuger

Musiker gestorben : Michael Rother erinnert an Can-Schlagzeuger Jaki Liebezeit

Der legendäre Schlagzeuger der Band Can ist im Alter von 78 Jahren gestorben. Sein Weggefährte Michael Rother (Kraftwerk, Neu!) schreibt für uns den Nachruf auf den großen Musiker.

Die Nachricht vom Tod Jaki Liebezeits traf mich wie ein Schlag in die Magengrube. Wir sind uns das erste Mal 1971 begegnet, als ich mit Kraftwerk zwei Konzerte gemeinsam mit seiner Band Can spielte. Jaki war ein großartiger Schlagzeuger, in erster Linie wegen seines Wirkens in der Band Can.

Er hat mit seinem prägnanten Stil die Musik der Gruppe getragen und bestimmt. Ich habe vor ein paar Jahren in Hamburg als DJ Platten aufgelegt und holte nach vielen Jahren mal wieder den Titel "You Doo Right" vom Can-Debüt aus dem Jahr 1969 heraus. Ich bin fast durchgedreht vor Begeisterung über Jaki: Sein Schlagzeugspiel macht einen großen Teil der Magie dieses faszinierenden Songs aus.

Dass nicht nur ich das so sehe, erkennt man an dem weltweiten Echo, das Jaki schon seit vielen Jahren hatte. Jüngere Künstler in der ganzen Welt haben ihn in den vergangenen Jahren für sich entdeckt, Stereolab etwa. Er wurde auch schon in den 80er Jahren von Depeche Mode, Eurhythmics und Brian Eno eingeladen, mit ihnen zu spielen.

Jaki Liebezeit (am Schlagzeug) und Marcus Schmickler (r., elektronic) beim Festival in Moers im Juni 2014. Foto: dpa, bsc

Und als David Bowie mich im Sommer 1977 fragte, ob ich auf seinem Album "Heroes" mitspielen würde, schlug ich Jaki als Schlagzeuger vor. Bowie freute sich darüber, denn er war ebenfalls ein Fan von Jaki und Can. Leider kam diese Session dann ja nicht zustande.

Jaki war ein technisch brillanter Spieler und hat auf meinen ersten vier Solo-Platten maßgebliche Spuren hinterlassen. Sie wurden von seinem Schlagzeugspiel bereichert und geprägt. Als ich 1976 die Aufnahmen zu "Flammende Herzen" plante, die im Studio meines Co-Produzenten Conny Plank stattfinden sollten, war klar, dass ich Jaki bitten würde, mein Drummer zu sein.

Ich habe ihn in Köln besucht und ihm auf meinem Kassettenrekorder einige Klangskizzen vorgespielt. Es gab keine Demos im klassischen Sinne, aber Jaki verstand auch so meine Absichten. Es war beeindruckend, mit welcher Virtuosität und Sensibilität er die musikalischen Anmutungen dann im Studio aufgriff und in eine rhythmische Form brachte. Intuitiv nahm er die Dramaturgie der Stücke an und versah sie mit den richtigen Akzenten. Davor ziehe ich noch heute den Hut.

Jaki spielte mit viel Energie und Leidenschaft, aber etwa im Vergleich zu Klaus Dinger — dem anderen großen Schlagzeuger in meinem Leben —, mit kontrollierter Leidenschaft und dank seiner brillanten Technik fast mühelos. Oft liest man über Jakis Spiel, das sei Motorik gewesen, Maschinenmusik. Ich sehe das ganz anders.

Er hat das Unnötige weggelassen und sich auf das beschränkt, was für die Musik am wichtigsten war. Die Wiederholungen mit den feinen Nuancen und Variationen, das war das, was von den Hörern vielleicht gar nicht wahrgenommen wird, aber das Besondere an seinem Spiel ist: Feinheiten, die nicht nur in den technischen Fertigkeiten ihren Grund haben, sondern auch von musikalischem Format zeugen.

Er war bis zuletzt interessiert an aktueller Musik. Ich habe ihn vor ein paar Jahren noch auf der Bühne in Belgien erlebt. Ich war beeindruckt davon, dass sein Schlagzeug immer kleiner geworden war und dabei jeder einzelne Schlag, den er setzte, bedeutsam war und eine besondere Wirkung auf das musikalische Geschehen ausübte.

Seine Präsenz auf der Bühne hatte eine fast mönchshafte Ausstrahlung: höchste Konzentration und Beschränkung auf das absolut Notwendige. Ich habe ihn gefragt, ob wir uns nicht bald wieder zusammentun wollen. Der Wunsch war immer vorhanden. Nun bleibt er unerfüllt. Jaki, ich verdanke dir sehr, sehr viel.

Unser Autor: Michael Rother spielte einst bei Kraftwerk und gründete mit Klaus Dinger die Band Neu!. 1977 wurde seine Solo-LP "Flammende Herzen" zu einem großen Hit. Der 66-Jährige lebt im Weserbergland.