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Tilda Swinton in "Snowpiercer": Großer Zukunftsfilm

"Snowpiercer" in den Kinos : Ein großer Zukunftsfilm

Weitestgehend unbekannt, aber ein absolutes Muss für Cineasten: "Snowpiercer" mischt gekonnt geballte Action und ein kluges Drehbuch.

Als die Menschen einsehen, dass die globale Erwärmung nicht mehr aufzuhalten ist, bringen sie ein chemisches Gegenmittel in die Atmosphäre ein. Das kühlt die Erde jedoch soweit herunter, dass dort alles Leben erfriert; der blaue Planet wird in eine Wüste aus Eis verwandelt. Die wenigen Überlebenden retten sich in einen 650 Meter langen Zug, der nie anhält, jedes Jahr einmal die Erde umkreist und wie ein eigenes Ökosystem funktioniert. Der Zug muss fahren, immer voran, sonst erfrieren die Insassen. Diese "ratternde Arche" ist inzwischen seit 17 Jahren unterwegs.

Das ist die Ausgangssituation des sehenswerten Science-Fiction- Dramas "Snowpiercer". Der südkoreanische Regisseur Bong Joon-ho ("The Host", "Mother") hat ihn nach der Vorlage der französischen Comic-Erzählung "Le Transperceneige" als schwarzes Märchen inszeniert. Die Produktion, in der Tilda Swinton, John Hurt, Jamie Bell und Chris Evans mitspielen, ist dabei weniger an den klimatischen Folgen der Umweltkatastrophe interessiert, die auf das Jahr 2014 datiert wird, sondern viel mehr an den sozialen und politischen Auswirkungen im Jahr 2031. Der Zug ist strikt nach Klassen unterteilt: Vorne sitzen die Herrscher, die die Maschine kontrollieren und in Luxus schwelgen. Hinten hausen die Unterprivilegierten. Wenn die nicht spuren, müssen sie Arme oder Beine aus dem Zug halten. Danach zerschlagen Soldaten aus der Zugspitze die schockgefrosteten Gliedmaßen. "Les Miserables" in der Zukunft.

"Snowpiercer" zeigt, wie es zur Revolution kommt, wie die Entrechteten nach vorne stürmen. Jeder Waggon bietet ein anderes Setting: Lebensmittelfabrik, Wasseraufbereitung, Disco, Schule. Bong Joon-ho, über den Quentin Tarantino sagt, er sei besser als Spielberg zu seiner besten Zeit, macht das Dilemma mit jedem Raum deutlicher: Die Aufständischen merken, dass sie die Umstände nicht verändern können, ohne selbst schuldig zu werden. Und dass Enge auch aus Feinden eine Gemeinschaft macht.

"Snowpiercer" ist eine Parabel, philosophische Fragen durchziehen den Film, und stets erkennt man Parallelen zur Gegenwart. Produzent Harvey Weinstein wollte die 40-Millionen-Dollar-Produktion in Teilen der USA nicht zeigen, weil er meinte, der Film sei "zu intelligent" für die Menschen dort. Nachdem sie aber 150 Millionen eingespielt hatte, machte er einen Rückzieher. Auch die Amerikaner dürfen "Snowpiercer" nun sehen.

Sie werden gegen Ende des Films mit einem Bild der Hoffnung belohnt: Am Rand der Gleise sitzt ein Eisbär im Schnee. Dass das etwas Gutes ist, begreift jeder.

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(RP)