Washington: Mordanklage im Fall Trayvon Martin

Washington: Mordanklage im Fall Trayvon Martin

Sechs Wochen nach dem Tod eines unbewaffneten schwarzen Jugendlichen im US-Bundesstaat Florida hat die Staatsanwältin Mordanklage gegen George Zimmerman erhoben. Das Mitglied einer Bürgerwehr hatte die Schüsse auf den 17-Jährigen zugegeben, will aber in Notwehr gehandelt haben.

Sybrina Fulton stand ins Gesicht geschrieben, wie sehr sie gegen ihre Emotionen ankämpfte, wie sie vor den Fernsehkameras um Fassung rang. George Zimmerman, der freiwillige Nachbarschaftswächter, der ihren Sohn Trayvon Martin erschoss, wird wegen Mordes angeklagt werden. Als die Nachricht am Mittwochabend die Runde machte, stellte sich die Mutter des toten Teenagers in einem schmucklosen Raum in Washington hinter ein Mikrofon, um ihre Gefühle zu beschreiben: "Danke, Gott. Wir wollten einfach eine Verhaftung. Wir wollten nicht mehr und nicht weniger, nur eine Verhaftung." Von Herzen danke sie, fügte sie noch hinzu, bevor sie sich mit tränenerstickter Stimme abwandte: "Ein Herz hat keine Farbe. Es ist nicht schwarz, es ist nicht weiß, es ist rot."

Gut sechs Wochen nach Martins Tod hat eine Juristin in Florida Anklage gegen Zimmerman erhoben. Andrea Corey, die zuständige Sonderermittlerin, legt dem 28-Jährigen Mord zweiten Grades zur Last. Wird er schuldig gesprochen, muss er mit lebenslanger Haft rechnen. Auf Mord ersten Grades hätte womöglich die Todesstrafe gestanden, doch so weit wollte Corey nicht gehen. Zimmerman, argumentiert sie, habe Martin nicht vorsätzlich getötet, wohl aber eine Geisteshaltung offenbart, die menschliches Leben geringschätze. Deshalb die Anklage, die gravierender als ein Verfahren wegen Totschlags ist. Dass sie nicht nach einer Farbenlehre handelt, das wollte die erfahrene Staatsanwältin bei ihrem live übertragenen Auftritt noch besonders betonen. Sie kenne nur die Kategorie V, für "Victim" (Opfer). "Es ist kein B, es ist kein W, es ist kein H", sagte Corey, die Anfangsbuchstaben von "Black", "White" und "Hispanic" benutzend – schwarz, weiß und hispanisch. Worum es ihr allein gehe, sei Gerechtigkeit für die Opfer.

Es ist eine Zäsur, der Abschluss eines Kapitels, bei dem sich Polizei und Justiz des Sonnenstaates im Südostzipfel der USA eine Weile kräftig blamierten. Die Ordnungshüter ließen Zimmerman laufen, weil er sich auf Notwehr berief, auf Gesetze, welche tödliche Gewalt legalisieren, falls sich jemand in seinem Wohnviertel bedroht fühlt. Wochenlang geschah nichts, bevor eine Protestwelle schwarzer Amerikaner das Land wachrüttelte. An der Spitze der Demonstrationszüge marschierte und marschiert Al Sharpton, der wortgewaltige Prediger aus New York, der in einem zugespitzten Satz auf den Punkt bringt, was er als paradoxe Doppelwelt empfindet: "Wir können einen schwarzen Mann im Weißen Haus haben, aber wir können ein schwarzes Kind nicht durch eine Wohnsiedlung laufen lassen."

Erst Ende März folgten die ersten Konsequenzen. Konfrontiert mit dem Vorwurf krasser Inkompetenz, trat der Polizeichef der Stadt Sanford zurück. Der lokale Staatsanwalt wurde geschasst, weil sich der Eindruck aufdrängte, er widme dem Fall nicht den nötigen Ernst.

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Nach wie vor gibt es widersprüchliche Versionen, was sich am Abend des 26. Februar, zwischen 19.11 Uhr und 19.17 Uhr, in der Siedlung Twin Lakes in Sanford abspielte. Nach der einen zog George Zimmerman kaltblütig die Waffe, in einer Art Allmachtgefühl des selbsternannten Sheriffs, der einen dunkelhäutigen Jungen im Kapuzenpulli sofort einem Täterraster zuordnete, vielleicht aus rassistischen Motiven. Nach der anderen verteidigte er sein eigenes Leben, nachdem er Trayvon Martin verfolgt hatte, ihn aus den Augen verlor und plötzlich von dem 17-Jährigen attackiert wurde.

Was genau geschah, soll der Prozess im Seminole County klären. Schon melden sich besorgte Juristen zu Wort, die das Pendel nun in die andere Richtung ausschlagen sehen, die Übereifer fürchten anstelle des Wegschauens der ersten Wochen. Die Klägerin, warnen sie, dürfe sich nicht unter politischen Druck setzen lassen, sich nicht der Lautstärke einer Kampagne beugen. Auch Zimmerman habe ein faires Verfahren verdient. Sharpton, der Reverend im Rampenlicht, hält die Mahnungen für überflüssig. "Ohne Druck hätte sich doch niemand den Fall ein zweites Mal angeschaut."

Wenn Sharpton die lauteste Stimme der Protestbewegung ist, dann ist Michael Bloomberg die markanteste Stimme besorgter Großstadtpolitiker. Was den New Yorker Bürgermeister irritiert, ist das rasante Tempo, mit dem die "Stand your-ground"-Regel Floridas Schule machte, seit der Premiere 2005 bereits in weiteren 25 Bundesstaaten. Nach dem Grundsatz "Behaupte dich" gibt sie Bürgern, die sich bedroht fühlen, das Recht, Gewalt mit Gewalt zu begegnen. Wurden bis 2005 in Florida noch 34 Tötungsfälle unter der Rubrik Notwehr verbucht, so waren es nach Inkrafttreten der neuen Regel mehr als 100. "Man kann einfach keine zivilisierte Gesellschaft haben, wenn jeder eine Waffe besitzt und selbst darüber entscheiden darf, ob ihn jemand bedroht oder nicht", sagte Bloomberg.

(RP)
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