Studie aus USA: Elektrostimulation lässt Querschnittsgelähmten wieder laufen

Therapie mit Elektrostimulation : Querschnittsgelähmter geht 331 Schritte

Ein Gelähmter kann mit Hilfe von außen wieder gehen. Was nach einem biblischen Wunder klingt, ist einer Forschergruppe gelungen. Mediziner wollen nicht von Heilung sprechen. Aber einen Fortschritt sehen sie sehr wohl.

Ärzte der Mayo-Klinik im US-Bundesstaat Minnesota haben einem 29-jährigen Patienten ein Elektrodenimplantat in die Wirbelsäule eingesetzt. Dieses habe es dem Mann ermöglicht, Befehle für die Bewegungsabläufe, die Empfindungen von Gewicht und Gleichgewicht vom Gehirn an die Extremitäten zu übertragen - was bisher als undenkbar gegolten habe, schrieben die Mediziner in der renommierten Wissenschaftszeitschrift "Nature Medicine". Dadurch habe der Mann wieder gehen können - er habe eine Strecke von der Länge eines Fußballfeldes zurückgelegt.

Der Mann habe über 43 Wochen eine Rehabilitationstherapie gemacht. Anschließend habe er mit Hilfe der elektrischen Rückenmarkstimulation 102 Meter mit 331 Schritten zurückgelegt, berichtet das Forscherteam um Kendall Lee und Kristin Zhao von der Mayo Clinic in Rochester (Minnesota, USA). Allerdings benötigte der Mann dafür einen Rollator und die Unterstützung an der Hüfte durch einen Therapeuten. Unbeteiligte Mediziner reagierten auf die Veröffentlichung skeptisch.

Bei einer Querschnittlähmung ist das Rückenmark des Patienten so stark beschädigt, dass die Signale aus dem Gehirn nicht mehr oder kaum noch an die Beine weitergeleitet werden. Mit der elektrischen Rückenmarkstimulation versuchen Mediziner, die verletzte Stelle zu überbrücken. In dem in der Studie beschriebenen Fall war das Rückenmark nicht vollständig durchtrennt. Deshalb wollten die Forscher herausfinden, wie weit sie mit einer Rückenmarkstimulation kommen würden.

Die Mediziner gaben Elektroimpulse in verschiedene Beinmuskeln. Dabei entdeckten sie, dass ein einzelnes Stimulationsmuster nicht ausreicht. Sie entwickelten zwei unterschiedliche Muster, die so miteinander verzahnt wurden, dass der Patient die verschiedenen Phasen eines Schritts meistern konnte.

„Nach unserem Wissen ist die Verwendung der elektrischen Rückenmarkstimulation während des aufgabenspezifischen Trainings, einschließlich Steh- und Schrittaktivitäten, neu“, schreiben die Forscher. Erforderlich seien nun weitere Untersuchungen mit einer größeren Zahl von Probanden, um deren Gültigkeit und Wirksamkeit zu bestimmen.

Norbert Weidner, ärztlicher Direktor der Klinik für Paraplegiologie am Universitätsklinikum Heidelberg, hält die Studie prinzipiell für gut gemacht. Der beobachtete Effekt sei wissenschaftlich allemal interessant, aber auch mit den gezeigten Fortschritten könne der Patient nicht seinen Alltag meistern. Zudem sei es eher eine Fallbeschreibung, da nur ein Patient an der Studie beteiligt gewesen sei. „Es ist außerdem ein spezieller Patient, so dass fraglich ist, inwiefern andere querschnittgelähmte Patienten in gleicher Weise trainiert werden können“, sagte er.

Problematisch sei auch, dass es keine Rückkopplung über die Stellung der Beine im Raum ans Gehirn gebe, was für das sichere Gehen notwendig sei. Bei nicht vollständig Gelähmten, die unterhalb der verletzten Stelle am Rückenmark zumindest noch Bewegungen ausführen können, sieht Weidner ein größeres Potenzial für diesen Heilungsansatz.

Auch Jocelyne Bloch vom Centre Hospitalier Universitaire Vaudois in Lausanne (Schweiz) ist vom Ergebnis der Studie nicht ganz überzeugt. „Er kann mit viel Hilfe ein paar Schritte gehen – aber es gab keine neurologische Heilung“, sagte sie mit Blick auf den Patienten. „Doch im Labor einige Schritte zu tun, bedeutet nicht, dass das auch zu Hause und im Alltag klappt und das Leben verändert. Wir sollten also wortwörtlich einen Schritt zurücktreten und die Ergebnisse in der Realität betrachten.“

Weitere Hinweise auf die grundsätzlichen Möglichkeiten und Grenzen der Methode gibt eine Studie, die zeitgleich im Fachmagazin „New England Journal of Medicine“ erscheint. Darin berichten US-Forscher um Susan Harkema von der University of Louisville (US-Staat Kentucky) von vier querschnittgelähmten Patienten, die ebenfalls mit Elektrostimulation behandelt worden waren. Zwei von ihnen konnten nach intensivem Training wieder einige Schritte gehen, alle vier konnten zumindest selbstständig stehen. Neben der elektrischen Stimulation und dem Training war vor allem der Wille der Patienten für das Gehvermögen entscheidend: Sie mussten sich fest vornehmen zu gehen – sobald sie die mentale Absicht einstellten, konnten sie ihre Beine nicht mehr bewegen, berichten die Wissenschaftler.

(wer/dpa/AFP)
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