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Geburtenanstieg in Hamburg und Berlin: WM-Baby-Boom ein Sommermärchen?

Geburtenanstieg in Hamburg und Berlin : WM-Baby-Boom ein Sommermärchen?

Frankfurt/Main (RPO). Zehn Prozent mehr Kinder in Stuttgarts geburtenstärkster Klinik, ähnliche Zahlen meldete ein großes Hamburger Krankenhaus, in Berlin geht man von 20 Prozent mehr Geburten aus - haben die Deutschen im WM-Fieber tatsächlich mehr Kinder gezeugt?

Statistiker und Bevölkerungswissenschaftler warnen davor, aus einzelnen Zahlen einen allgemeinen Trend abzuleiten. Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich der allgemeine Baby-Boom nach der WM als Sommermärchen.

"In Hamburg gab es diesen Baby-Boom", sagt die Chefärztin der Hamburger Asklepios-Klinik, Christiane Thein. Im März habe es zirka zehn Prozent mehr Geburten gegeben als in den besten Märzen zuvor. "Von den Eltern kam oft die Erklärung, die Stimmung sei während der WM einfach so locker gewesen." Inzwischen sei die Geburtenrate wieder auf den normalen Durchschnitt zurückgegangen.

Auch das Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) hatte einer Mitarbeiterin zufolge seit März eine erhöhte Geburtenzahl zu verzeichnen. Das zeige sich auch daran, dass die Vorbereitungskurse ausgebucht seien. Ob das nun aber an der WM liege oder ein dauerhafter Trend sei, könne von Seiten der Klinik nicht gesagt werden.

Besonders fruchtbar waren offenbar die Berliner. In der Hauptstadt stieg die Anzahl der Geburten im März 2007 im Vergleich zum Vorjahresmonat um knapp 20 Prozent, von rund 2.400 auf 2.800, wie eine Mitarbeiterin des Statistischen Landesamts Berlin auf AP-Nachfrage mitteilte. Ob der Zuwachs allein an der WM liege, sei aber nicht sicher. So hätten einige sicherlich auch auf das neue Elterngeld spekuliert, das am 1. Januar in Kraft trat.

In den Berliner Vivantes-Kliniken kamen im März allein 775 Babys auf die Welt. Das sind nach Klinikangaben 77 Kinder beziehungsweise elf Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Der Unternehmenssprecher Uwe Dolderer sagte: "Einen Zusammenhang zur Fußball-WM im Sommer 2006 können wir trotz des Anstiegs nicht direkt ableiten - eventuell zeigt die Geburtenzunahme auch einen allgemeinen, positiven Trend bei Vivantes an."

Stuttgarts geburtenstärkste Frauenklinik in Bad Cannstatt verzeichneten mehr Geburten, allerdings stiegen dort auch schon in den Vorjahren die Geburtenzahlen. In Köln zählte das Standesamt im April stolze 794 Geburten, immerhin 116 mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Doch dieser scheinbare Baby-Boom relativiert sich, berücksichtigt man, dass im April 2005 sogar 898 Geburten registriert wurden - ganz ohne WM.

Der Bielefelder Professor Ralf E. Ulrich hält ohnehin nicht viel von solchen Umfragen. Verlässliche Daten werde es erst in einigen Monaten geben, sagt der Direktor des Instituts für Bevölkerungs- und Gesundheitsforschung.

Er kenne keinen zuverlässig dokumentierten Beispielfall, in dem ein Ereignis wie die Fußball-Weltmeisterschaft einen signifikanten Anstieg der Geburtenzahlen bewirkt habe. "Stattdessen gibt es mehrere Fälle, wo nach dem Medienhype um einen Babyboom nach Stromausfall oder ähnlichem eine gründliche Untersuchung das verneinte", sagt er und verweist auf die Studie von Richard Udry.

Der Sozialforschers von der Universität North Carolina hatte 1970 den angeblichen Baby-Boom neun Monate nach dem großen Stromausfall von 1965 in New York untersucht und festgestellt, dass ein übereifriger Journalist lediglich ein paar natürliche statistische Ausreißer überbewertet hatte. "Offenbar finden viele Leute Gefallen daran sich auszumalen, dass sich die meisten Menschen, wenn sie (...) von ihren üblichen Aktivitäten abgehalten werden, der Kopulation zuwenden", resümierte der Wissenschaftler.

Auch dass es - losgelöst von der WM - einen allgemeinen Trend zu mehr Geburten gibt, ist bislang nicht belegt. "Bis jetzt kenne ich keine aussagekräftigen Statistiken, die das stützen. Erst in zwei bis drei Monaten werden wir Zahlen der Statistischen Landesämter dazu haben", sagt Bevölkerungswissenschaftler Ulrich. Zahlen für das gesamte Bundesgebiet wird es laut Statistischem Bundesamt erst Anfang 2008 geben, wobei diese vorläufigen Ergebnisse noch erheblich von den endgültigen Werten abweichen könnten, die dann im Sommer 2008 veröffentlicht werden.

Lieber Bier als Frauen

Bisweilen drängt sich denn auch der Verdacht auf, dass Ergebnisse, die der These vom WM-Baby-Boom widersprechen, nicht angemessen berücksichtigt wurden. In Gelsenkirchen etwa, wo ja auch die Fußballer nicht unbedingt mit Treffsicherheit glänzen, gibt es laut Stadtverwaltung keine Anzeichen für einen WM-Baby-Boom.

Und auch das Krankenhaus im Hamburg-Bergedorf konnte im Gegensatz zu anderen Hamburger Kliniken keinen besonderen Anstieg verzeichnen. "Wir haben Kinder gekriegt wie jedes Jahr", sagte die leitende Hebamme Karin Troge und fügte hinzu. "Hier in der Region haben sich die Männer wohl eher dem Bier zugetan als den Frauen."

(ap)