Familienfest: Wenn es Weihnachten immer weniger werden

Familienfest : Wenn es Weihnachten immer weniger werden

In der Geborgenheit der Familie ist Heiligabend ein Ritual. Mit dem Tod lieber Menschen ändert sich alles. Weil Leerstellen entstehen. Eine persönliche Betrachtung.

Die bösen Buchstaben stecken im Begriff schon drin. Herausgeschüttelt ergeben sie ein Weh und Ach. Dabei ist Weihnachten an sich ein schönes Fest, christlich und familiär geprägt. Doch gibt es im Laufe des Lebens Einbußen hinzunehmen. Weil die Freude, die wir empfinden, gekoppelt ist an Menschen und Rituale. Verlieren wir die Menschen, verschwinden die Rituale. Neue müssen her. Sind wir dazu nicht bereit, stehen wir am Ende ganz nackt da. Ohne Weihnachtsbaum und Geschenke, ohne Gänsebraten und warme Schattenmorellen auf Vanilleeis mit Schlagsahne.

Vater, Mutter, Bruder, Schwestern, die Großeltern aus der Eifel und die unverheiratete Tante Hilde aus Amerika - Jahr für Jahr versammelten sie sich in Eintracht unterm Weihnachtsbaum bei uns zu Hause in Aachen. Diese traditionelle Familienvollversammlung ist bis heute in meinem Gedächtnis mit einer Vorstellung von Heiligabendglück besetzt. Halb sechs wird gegessen, halb acht beschert, halb neun sind die Kerzen schon halb runtergebrannt, die Mägen schwer gefüllt - nach immer gleichem Schema vergeht der heiligste Abend des Jahres.

Drei Stunden bis zum Aufbruch in die Christmette vergehen noch, die überbrückt werden müssen mit Spielen oder dem Erzählen von Familienlegenden. Dazu gibt es Omas Bethmännchen, Printen und Stollen. Sekt und Schnaps lockern Zunge und Manieren. Opa ist im Sessel eingenickt, Vater hat 'nen Schwips, Mutter räumt noch die Küche auf, die Kinder sind vertieft in das Spiel mit ihren Geschenken. Keinesfalls haben sie Lust auf Konversation mit der Verwandtschaft. Später wird sich Vater die Größeren schnappen und mit ihnen in den Dom ziehen; Mutter kann nun wirklich nicht mehr und bittet um Verständnis. Die anderen sind beizeiten nach Hause gefahren.

Flöte, Wintermantel oder Stiefel

Das Weh war schon da, als das Fest noch funktionierte. In meiner großen Familie gab es einen, der zehn Wochen vorm Heiligen Abend dauerhaft in Übellaunigkeit verfiel. Bis heute verfolgt mich das. Und ich passe auf, dass ich nicht wie mein Vater werde. Dabei hatte er beruflich zum Jahresende nicht sonderlich Stress wie andere Männer. Im Haushalt hatte er kaum Aufgaben. Er würde wie immer den Baum kaufen und ihn dann in einem metallenen uralten Ständer aufrichten. Er würde wie immer nörgeln, dass dieser krumm sei, obwohl er ihn selbst ausgesucht hatte und nicht so viel Geld dafür ausgeben wollte. Den Rest, also das meiste, erledigte meine Mutter. Und das war viel, noch dazu mit kleinem Haushaltsgeld.

Dementsprechend fielen unsere Geschenke aus. Manchmal sollten sie mit bereits erworbenen Alltagsgegenständen wie Flöte, Wintermantel oder Stiefel verrechnet werden, was wir nicht gerecht fanden, am Ende aber einsahen. Wenn es auch in anderen Familien großzügiger zuging. Vater warnte vor Neid und predigte Großzügigkeit. Demonstrativ lud er jeden Straßenkehrer, der vor unserem Haus arbeitete, auf einen Trester ein. Auch die Müllmänner konnten sich nicht beklagen, wenn sie das Neujährchen ansagten. Dies alles hat unsere Grundeinstellung geprägt. Bis heute.

Bei allen Nickeligkeiten war das Weihnachtsfest ein heiliges Ritual. Je größer wir Kinder wurden, desto mehr übernahmen wir Mutters Aufgaben. Meine ältere Schwester hatte Pizza backen gelernt, was damals noch sehr ungewohnt war. Von dieser Vorspeise war mein Vater begeistert, nicht weniger begeistert war er, als mein Bruder persisches Essen am Heiligabend auftischte. Kochen hatte er im Studentenheim gelernt, das Essen war sehr scharf.

Kochen ohne Stress

Zu jeder Mahlzeit gab es bei uns Salat und Gemüse, natürlich galt das Gesetz auch Weihnachten. Als die ersten Enkel mit am Tisch saßen, waren wir froh, dass unser Menü nicht starr und unser Vater aufgeschlossen war. Jetzt wurden auf einmal zusätzlich zum Dreigang-Weihnachtsessen Tortellini mit weißer Soße von einem Zwillingskind und Gabel-Spaghetti mit Tomatensoße vom anderen bestellt. Der Freund meiner jüngeren Schwester (die Tafel wurde immer länger) erklärte sich als Vegetarier.

Tante Hilde und die Großeltern starben kurz nacheinander, doch die Rituale des Heiligabend blieben. Nach und nach dominierte ich das Catering, das immer umfangreicher wurde. Meine Eltern waren darüber froh, dass die Folgen der aufwendigen Kocherei nun nicht mehr ihre schmale 60er Jahre-Küche verwüsteten. Ich lebte damals in einem Bauernhaus in Belgien, wo man Heiligabend bis abends noch alles und besondere Leckereien einkaufen konnte, die es in Deutschland nicht gab. Ich kochte mit Liebe für meine vielköpfige Verwandtschaft, empfand dabei nie Stress.

Im Gegenteil versetzten mich die Wintersonnenwende und das weiße Licht dieser Tage in euphorische Stimmung. Meist bereitete ich einen Tag vor Weihnachten schon vieles vor, am 24. arbeitete ich über Stunden für unser Weihnachtsessen, schnippelte, kochte Suppenknochen aus und Soßen ein, arrangierte Vorspeisenplatten. Immer hörte ich Radio dazu, zwischendurch führte ich das ein oder andere Telefonat. Rechtzeitig schob ich alle Speisen in meinen Kombi und baute das feierliche Essen bei meinen Eltern auf.

Diese Lücke war nicht zu füllen

Weihnachten bei uns zu Hause war immer schön, bis die Familie ihre Mitte verlor. Im Juni 1982 verunglückte meine Mutter tödlich. Sie war noch jung, nicht einmal 60 Jahre alt. Als Weihnachten kam, wussten wir nicht, wie wir die Tage ohne sie überstehen würden. Ich bekam Weihnachtsweh, das schlimmste meines Lebens. Ich bin in die Wüste nach Tunesien gereist, habe in eisigen Nächten in den Sternenhimmel gestarrt. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich am 24. Dezember nicht zu Hause. Ich habe sehr viel geweint um meine geliebte Mutter. Ich habe ihre Präsenz vermisst, das In-den-Arm-Nehmen, die Lebensermunterungen, ihr ausgelassenes Klavierspiel als Mittel gegen den größten Stress. Das würde nie wieder so sein an Weihnachten und auch nicht an anderen Tagen. Diese Lücke war nicht zu füllen, wenn sich auch meine älteste Schwester Mühe gab, den jüngeren Mädchen eine Ersatzmutter zu sein.

Meinem Vater zuliebe haben wir die Tradition bewahrt, sind weiter am Heiligen Abend zusammengekommen, jeder von uns übernahm Aufgaben, es sollte alles so aussehen wie zuvor. Und doch wurde es ein Abend mit Leerstelle. Das ging über viele Jahre gut, bis meine älteste Schwester erklärte, sie wolle ab jetzt lieber zu Hause feiern. Sie hatte drei Kinder und mochte nun nicht mehr im Elternhaus sitzen, wo die Fröhlichkeit nicht mehr Gast war.

Die andere Schwester heiratete einen Holländer und zog weit weg. Dort gab es Sinterklaas, und Weihnachten würde sie erst am ersten Feiertag nach Hause kommen, kündigte sie an. Mein Bruder heiratete eine Frau, die kein Familienmensch war. Er würde aber alles mitmachen wie bisher. Dies alles gefiel mir nicht, denn so schrumpfte der Heiligabend bis zum Tod meines Vaters kontinuierlich zu nur noch einem beinahe krampfhaft verwalteten Fest, das an den Ritualen der Vergangenheit festhalten wollte, aber nicht konnte.

Einen Baum gab es nicht mehr

Wir machten es uns so gemütlich wie möglich, deckten den Tisch für nur noch fünf Personen, legten Mutters Weihnachtsdecke auf. Doch die Stimmung war nie mehr wie früher, meine Schwägerin machte jede Freude durch unpassende Gesprächsthemen wie Erbschaft oder Frauenkrankheiten zu nichte. Mein Vater bot aus Entsetzen darüber nur noch zweitklassigen Sekt an. Einen Baum gab es nicht mehr. Mit dem Alter verschwindet die Sentimentalität, meinte Vater. Die Heiligkeit des Abends kam mir vor wie gespielt - auf der Bühne eines zweitklassigen Theaters.

Die meisten meiner Geschwister haben mit ihren Kindern viele Rituale übernommen. Wir kinderlosen Geschwister halten diese im Gedächtnis lebendig. Seit dem Tod des Vaters trifft man sich einmal an Weihnachten, aber zu meinem Leidwesen nicht mehr an Heiligabend. Wir verstehen uns gut. Die Schwestern haben jede ein Geschenk für die andere, die Schwager, Schwägerin und der Bruder bekommen Wein oder Parfüm, die Kinder bestellte Überraschungen. Dann essen wir zusammen, erzählen die alten Geschichten. Als Familienoberhaupt an Weihnachten galt ab sofort meine ältere Schwester.

In diesem Sommer ist sie schwer erkrankt, ein großer Schock für uns Familientiere. 2016 wird vielleicht ihr letztes Weihnachten im Leben sein - ohne Essen, Geschenke und ohne Baum. Wenn alle anderen feiern, werden wir gemeinsam weinen. Und nicht wissen, wie es weitergeht. Ob vom Weihnachtsglück noch etwas übrig bleibt, ins nächste Jahr gerettet wird? Ich weiß es nicht.

Ach. Ich habe solches Weihnachtsweh.

(RP)