Terrorexpertin: "Erhöhte Polizeipräsenz schützt nicht vor Anschlägen"

Terrorexpertin: "Erhöhte Polizeipräsenz schützt nicht vor Anschlägen"

Auf den Lkw-Anschlag in Nizza vom Juli 2016 folgten vier weitere Attentate in Europa. Müssen wir nach der Bluttat von Berlin erneut mit so einer Terrorwelle rechnen? Wir haben bei einer Gewaltforscherin nachgefragt.

Frau Streich, der Lkw-Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in Berlin wirft seine Schatten auf alle anderen Großveranstaltungen. Glauben Sie, dass man jetzt tatsächlich Angst vor weiteren Anschlägen haben muss?

Streich: Angst ist ein sehr individuelles Gefühl. Jeder Mensch ordnet die Ereignisse anders ein und erlebt Angst somit auch sehr unterschiedlich. Deswegen gibt es keine objektiven Kriterien, nach denen man entscheiden kann, ob man noch vor die Tür gehen kann oder nicht. Es ist ja auch so, dass diese Gefahr nicht einfach irgendwann verschwindet.

Wie meinen Sie das?

Streich: Große Veranstaltungen gibt es immer. Und immer, wenn viele Menschen an einem Ort zusammenkommen, sprechen wir von einem sogenannten weichen Ziel. An so einem Ort ist die Anschlagsgefahr immer gegeben.

Katrin Streich war elf Jahre Polizeipsychologin im Landeskriminalamt Sachsen. Als stellvertretende Leiterin des Instituts für Psychologie und Bedrohungsmanagement entwickelt sie heute Konzepte zur Gewaltprävention unter anderem im Kontext von Terroranschlägen. Foto: DIGITALES FOTO ZENTRUM DANIELA M

Was kann man tun, um mit dieser Gefahrensituation besser umzugehen? Die Polizeipräsenz erhöhen?

Streich: Eine verstärkte Polizeipräsenz führt erstmal vor allem zu einem subjektiven Sicherheitsgefühl. Viele fühlen sich einfach besser, weil sie Polizisten in ihrer Nähe wissen. Und dann gibt es ein paar, die sagen, dass es sie nervt, wenn sie einen Glühwein trinken wollen und fünf Meter hinter ihnen steht jemand mit einem Maschinengewehr. Sicher ist, dass eine erhöhte Polizeipräsenz objektiv nicht vor Anschlägen schützen kann. Es kann eine abschreckende Wirkung auf Kleinkriminelle haben und eben den positiven Effekt, dass die Polizei direkt ansprechbar ist. Aber mehr nicht.

Warum nicht?

Streich: Weil sich jemand, der einen Anschlag begehen will nicht, von der Polizei abhalten lässt. Wenn jemand mit einer Sprengstoffweste auf einen Weihnachtsmarkt läuft, können ihn Polizisten mit Maschinengewehren nicht aufhalten. Das gleiche gilt für einen bewaffneten Attentäter. Außerdem muss man damit rechnen, dass die Attentäter sich einfach andere Wege suchen, um ihr Vorhaben umzusetzen. Ich glaube, da gibt es andere Schutzmaßnahmen, die besser wirken.

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Welche sind das?

Streich: Die präventiven Maßnahmen, die ergriffen werden, sind wirklich effektiv. Also die Ermittlungen, die dazu führen, dass Verdächtige gefasst werden, bevor sie eine Tat begehen können. Das hat wirklich Sinn, es fällt aber natürlich nicht so auf wie Polizeipräsenz.

Müssen wir jetzt mit einer Nachahmerwelle rechnen, wie wir sie im Juli 2016 schon einmal gesehen haben?

Streich: Momentan sind die Hintergründe der Tat ja noch nicht klar, auch die Frage, ob sie islamistisch motiviert war, ist noch offen. Aber die Parallelen zu Nizza sind natürlich offensichtlich und der IS hat vor einer Weile Einzeltäter dazu aufgerufen, mit Lkws in Menschenmengen zu fahren. Nach solchen Ereignissen ist das Risiko für Nachahmertaten definitiv hoch. Das haben wir auch bei anderen Taten schon gesehen.

Lässt sich das irgendwie verhindern?

Streich: Die beste Möglichkeit, das Risiko zu reduzieren, ist, möglichst wenig über den Täter als Person zu berichten. Es gibt sehr gute Studien, die zeigen: Je mehr über die Täter berichtet wird, um so wahrscheinlicher sind Nachahmertaten. Man sollte also möglichst keine Namen nennen oder Bilder vom Täter auf der Titelseite zeigen. Auch biografische Details sind problematisch.

Warum?

Streich: Diese Informationen geben möglichen Nachahmern Anknüpfungspunkte für ihre eigene Biografie. Sie identifizieren sich mit dem Täter, vergleichen seine und ihre eigene Familien- und berufliche Situation, welche Musik er gehört hat und auf welche Schule er gegangen ist. Wenn sie Ähnlichkeiten entdecken, können sie sich immer besser vorstellen, auch so eine Tat zu begehen. Dazu kommt, dass sie die negative Aufmerksamkeit gar nicht wirklich wahrnehmen. Sie sehen nur, dass der Täter auf der Titelseite ist, und wollen unbedingt ähnliche Aufmerksamkeit erreichen. Kurz: Man kann schon über die Ereignisse berichten, aber man sollte die Täter möglichst wenig personifizieren.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Berlin am Tag nach dem Anschlag

(ham)
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