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Präses Rekowski: „Flucht ist kein vorübergehendes Phänomen“

Präses Manfred Rekowski im Interview : „Flucht ist kein vorübergehendes Phänomen“

Der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland spricht im Interview mit unserer Redaktion über das Kirchenasyl, die Taufe von Flüchtlingen und sexuellen Missbrauch.

Er ist der leitende Geistliche der zweitgrößten evangelischen Landeskirche Deutschlands: Der rheinische Präses Manfred Rekowski vertritt eine Kirche von 2,5 Millionen Gemeindegliedern, die vom Niederrhein im Norden bis nach Wetzlar und Braunfels in Hessen auf über 26.000 Quadratkilometern Fläche leben.

Viele Menschen im Nahen Osten werden auch im kommenden Jahr auf der Flucht sein ...

Rekowski ... das Weltproblem Flucht ist ja kein vorübergehendes Phänomen, das man durch ein paar kosmetische Korrekturen lösen kann. Es ist ein fundamentales Problem. Die Völkergemeinschaft ist aufgefordert, das nicht nur zu beobachten, sondern sich zur Decke zu strecken für die Menschen, die ja alle nicht freiwillig ihre Heimat verlassen. Da gibt es die unterschiedlichsten Gründe: Terrorregimes, Bürgerkriege beispielsweise. Wenigstens die Grundversorgung derer, die auf der Flucht sind, muss uns gelingen. Und die besonders verletzlichen Frauen und Kinder müssen Schutzorte finden. Wir haben auch eine Verantwortung für die Menschen, die sich jenseits unserer Landesgrenzen aufhalten.

Was erwarten Sie da von der Bundesregierung?

Rekowski Ich finde, dass die Bundesregierung stärker über die Dublin-Regeln reden müsste. Denn sie nehmen eine heikle Lastenverteilung vor. Die Länder mit EU-Außengrenzen werden deutlich stärker belastet, als die Länder ohne Außengrenzen. Da wünschte ich mir mehr Solidarität. Da müsste die Bundesregierung ein Motor für Veränderungen sein.

In Deutschland ist das Kirchenasyl ein wichtiges Thema. Wie nehmen Sie die Situation dort heute wahr?

Rekowski Ich finde es schon auffällig, dass das Kirchenasyl solch eine große öffentliche Aufmerksamkeit erhält, obwohl es doch nur vergleichsweise wenige Fälle gibt.

Kann das damit zusammenhängen, dass das Kirchenasyl in keinem Gesetz steht?

Rekowski In der Tat ist das Kirchenasyl kein rechtliches Institut. Es ist eine alte Tradition, die auch Bundesinnenminister Horst Seehofer nicht in Frage stellt. Aber wir haben die Debatte darüber, wie es durchgeführt wird. Der Grundansatz lautet: Kirchengemeinden begleiten Flüchtlinge, weil sie erleben, dass geltendes Recht den zu begleitenden Menschen nicht gerecht wird. Das Kirchenasyl ist kein Ort des Rechtsbruchs. Vielmehr ist der Rechtsstaat so souverän, dass er eine erneute Überprüfung von Entscheidungen zulässt. Das verhindert nicht, dass der Staat Rückführungen und Abschiebungen durchführt.

Was müsste man im Asylverfahren besser machen?

Rekowski Ich wünschte mir eine größere Sensibilität. Im Asylverfahren brauchen wir Sorgfalt und Tempo zugleich. Da können wir von Ländern wie den Niederlanden sehr viel lernen. Da bekommt jeder Kandidat einen neutralen Rechtsbeistand, und die Entscheidungen werden innerhalb weniger Wochen getroffen.

Ein Spezialfall im Asylverfahren sind Asylbewerber, die sich in Deutschland taufen ließen. Wie geht die Landeskirche damit um?

Rekowski Die Evangelische Kirche im Rheinland hat klare Regeln, wie wir mit dem Taufbegehren von Asylsuchenden umgehen. Jeder erhält eine Form der Unterweisung, das Katechumenat. Auch die Partizipation am Gemeindeleben gehört dazu. So läuft das auch mit Muslimen. Wir gehen grundsätzlich davon aus, dass Taufen aus Überzeugung und nach reiflicher Vorbereitung erfolgen.

Sie haben keine Zweifel an der Ernsthaftigkeit der Taufbegehren?

Rekowski Wir haben keine Zweifel daran, genau so wenig wie wir ihn bei Menschen haben, die deutschstämmig sind.

Was machen Sie, wenn das Bundesamt für Migration und Flüchtling (Bamf) so etwas bezweifelt?

Rekowski Wir haben uns deswegen noch einmal an das Bundesinnenministerium gewandt, denn das Verfahren dort wirkt manchmal so, als würden staatliche Behörden den Glauben von Asylsuchenden prüfen. Das Bamf sagt dann oft: Legitim ist es, dass wir zu klären versuchen, ob im Fall einer Rückkehr ins Ursprungsland wegen der Zugehörigkeit zum christlichen Glauben Verfolgung droht. Die Art und Weise, wie die Befragungen geführt worden sind, hat bei uns allerdings manchen Zweifel geweckt.

Halten Sie es für realistisch, dass Christen, die im Rheinland getauft wurden, in Ländern wie Iran oder Afghanistan ihren Glauben leben können?

Rekowski Das kann ich mir nicht vorstellen. Für mich gehört zum christlichen Glauben immer auch der Öffentlichkeitsanspruch dazu: Er will öffentlich gelebt und bezeugt werden. Der Glaube ist nicht nur etwas individuelles, er strahlt auch in die Gesellschaft hinein. Deswegen kann ich mir das nicht vorstellen.

In 2018 hat man sich in der Evangelischen Kirche in Deutschland ja auch mit dem Thema sexueller Missbrauch auseinandergesetzt.

Rekowski Die Evangelische Kirche im Rheinland hat seit 2003 ein geregeltes Verfahren im Umgang mit sexualisierter Gewalt, es gibt klare Verfahrenswege und Hilfen für Betroffene. Der Kontakt läuft über eine unabhängige Ansprechperson, die völlig getrennt von der kirchlichen Hierarchie arbeitet. So wird den Bedürfnissen der Opfer Rechnung getragen. Bei Übergriffen auf Kinder oder Jugendliche schalten wir in jedem Falle die staatlichen Behörden ein. Erwachsene entscheiden selbst, ob wir Anzeige erstatten sollen. Unabhängig davon leiten wir eigene disziplinarrechtliche Maßnahmen ein. Unser Interesse als Landeskirche ist es, dass jedem einzelnen Fall nachgegangen wird. Dazu gehört auch, dass eventuelle Versäumnisse kirchlicher Dienststellen überprüft werden.

Reicht das aus?

Rekowski Nein. Dass wir 27 Fälle zur Anzeige bringen konnten, schließt überhaupt nicht aus, dass es nicht mehr Übergriffe gegeben haben könnte. Wer werden also noch mehr tun müssen. Auch wenn wir seit 2003 einen Schwerpunkt in der Prävention gesetzt haben und klare Regeln für die Mitarbeit in der Kirche aufgestellt haben, werden wir noch mehr investieren. Wir wollen weiter möglichst offensiv mit diesem Thema umgehen.