Düsseldorf: Wo die wilden Kerle singen

Düsseldorf: Wo die wilden Kerle singen

Der Brite Oliver Knussen hat aus dem berühmten Bilderbuch "Wo die wilden Kerle wohnen" von Maurice Sendak eine Kinderoper gemacht. In einer grandiosen, liebevoll ausgestatteten Inszenierung ist sie jetzt an der Rheinoper zu erleben.

Das ist schon faszinierend, wenn ein paar hundert Kinder, die gerade dem Kindergarten entwachsen sind, gebannt die Luft anhalten, weil im großen Saal der Rheinoper das Licht erlischt und ein leises, kaum vernehmbares Grummeln aus dem Orchestergraben die Spannung noch erhöht. Wenige Augenblicke später fährt der rote Samtvorhang zur Seite und gibt den weit geöffneten Augen der jungen Zuschauer den Blick frei auf eine spannende Welt: die Welt der Musik, des Theaters und der Fantasie.

Mit "Wo die wilden Kerle wohnen" hat der britische Komponist Oliver Knussen das berühmte Bilderbuch von Maurice Sendak in Klänge gekleidet, wie sie in den 1980er-Jahren angesagt waren, und da war Tonalität verpönt. Die Geschichte vom Buben Max, der gern laut und ausgelassen spielt, auch wenn seine Eltern lieber still und formvollendet mit Gästen beim Abendessen sitzen wollen, verlangt ein Orchester, in dem die große Trommel und Harfe vorm Sprung vom Kleiderschrank heftig wirbeln, das Becken wie eine Ohrfeige kreischt, Holzblasinstrumente und Schlagwerk kunterbuntes Chaos anrichten und das Englischhorn sanft singt, wenn die Mama am guten Schluss dann doch noch zum Schmusen ans Bett kommt.

Knussen erschafft eine fantastische Welt, gerade so eine, wie Max sie sich erträumt, als er zur Strafe fürs Herumtollen in seinem Zimmer bleiben muss: mit lebendigen Schmusetieren, seinem besten Freund, dem Affen, und all den wilden Kerlen, in die er in seinem Traum die Erwachsenen verwandelt.

Regisseur Philipp Westerbarkei, der an der Jungen Rheinoper unter anderem die Zauberflöte für Kinder inszenierte, lässt den kleinen Max im Schlafanzug durch die zwei Etagen wuseln, die Tatjana Ivschina ins Bühnenhaus übereinander setzt. Oben Kinderzimmer, unten Salon im viktorianischen Stil mit üppigen Stofftapeten, Bediensteten und Kandelabern, dazwischen der Kronleuchter, der ein ums andere Mal bedenklich ins Schwanken gerät. Die Usbekin hat auch die fantastischen Kostüme entworfen, die die Erwachsenen in tierische Monster verwandeln und auch noch nach der Vorstellung der Star bei der Autogrammstunde sind.

Im Sog der Geschichte schlagen dann die (wilden) Erwachsenen so über die Stränge, dass Max sie ohne Essen auf ihr Zimmer schicken muss - und die versöhnliche Wirklichkeit wieder Einzug nimmt im Bühnenhaus.

Das alles geschieht mitreißend. Im Graben treibt Jesse Wong das Altstadtherbstorchester zu wahren Kunststücken, Heidi Elisabeth Meier als Max gelingt die schwere Sopranpartie allerliebst, im Chor der Erwachsenen geben lauter profunde Teamplayer Kostproben ihres Profitums. Kinder, Mamas, Papas und Opis applaudieren nach kurzweiligen 45 Premieren-Minuten begeistert. Kinderoper auf diesem Niveau ist außergewöhnlich und eine Kostbarkeit.

(RP)