Düsseldorf: Titanen nach Feierabend

Düsseldorf : Titanen nach Feierabend

Auch Laien dürfen Symphonien spielen: Die Philharmonische Gesellschaft wagt sich seit Jahren mit Erfolg an große Werke der Musikliteratur. Seit zehn Jahren leitet Thomas Schlerka das Ensemble. Am Samstag ist das nächste Konzert.

Um zehn vor acht eilt verschämt ein Herr im Business-Anzug in den Saal der Mormonen-Gemeinde am Mörsenbroicher Weg. Rasch wuchtet er seinen Geigenkasten neben andere auf den Tisch, packt Instrument, Noten, Bleistift, spannt den Bogen, fingert kurz nach der Stimmung der Saiten und wirft sich nahtlos ins Getümmel des rustikal stapfenden Ländlers aus Mahlers 1. Symphonie, genannt der "Titan". Die Celli poltern, die gestopften Hörner jubeln, die Turnhallen-Akustik des Betsaals ächzt vor lauter Begeisterung, wie sie die Mitglieder der Philharmonischen Gesellschaft seit einer Viertelstunde verströmen. Es ist Mittwochabend: Orchesterprobe. Keine zwei Wochen mehr bis zum Höhepunkt des Jahres, dem Konzert in der Tonhalle.

An die 100 Musiker werden am Samstag, 21. März, auf der Bühne in Düsseldorfs Konzerthaus sitzen und neben Mahlers "Der Titan" Bruchs Violinkonzert (mit der jungen Geigerin Judith Stapf) und die Ouvertüre aus "Hänsel und Gretel" spielen - ein ganz schön anspruchsvolles Programm für Laien. "Das Orchester ist neugierig, ehrgeizig und anspruchsvoll. Und mit so viel Spaß und Können bei der Sache, dass es mich als Dirigent regelrecht beglückt."

Das sagt Thomas Schlerka (40), der seit zehn Jahren die Philharmonische Gesellschaft vom Pult aus zu immer neuen Ufern führt. Letztes Jahr war mit der "Queen-Symphony" die Tonhalle fast ausverkauft, jetzt steht mit Mahler ein wahrhaft "dicker Brocken" auf dem Programm. "Ich kann die Entwicklung des Orchesters nur als durchweg positiv bezeichnen. Wir haben zusammen einiges an Staub weggeblasen, etliche junge Musiker sind dazugekommen, Stimmproben mit Profis tun ihre Wirkung", sagt Schlerka.

"Ohne Musik geht's nicht", bekennt Gabriela Drees-Holz. Sie ist seit 26 Jahren die 2. Flöte des Orchesters, im anderen Leben Objekt-Künstlerin. Die 59-Jährige hatte ein Jahr ausgesetzt - es fehlte ihr etwas Wesentliches. Vera Lachmann (26) verjüngt die 2. Geigen. Die angehende Ärztin ist seit anderthalb Jahren dabei: "Das ist für uns alle ein tolles Hobby und für viele ein wunderbarer Ausgleich für den oft stressigen Alltag", strahlt sie. Man sitzt an mitgebrachten Notenpulten, Krawatten tragen nur die Abgehetzten. Hier verbindet Musik Generationen, Berufsstände. Das Können der Laien lässt sich hören, Schwächere werden von Besseren mitgezogen. Gemeinsam ist allen der Spaß. "Das ist das Wichtigste", sagt Schlerka und führt das Regiment entsprechend.

Die Philharmonische Gesellschaft ist ein Verein. Mit Vorstand, Hauptversammlung, Jahresbeitrag 120 Euro. Mitmachen kann jeder, der sein Instrument gut genug beherrscht. "Das merken wir und jeder selbst nach ein paar Proben", weiß Vorsitzende Ursula Neubert aus langer Erfahrung. Neue bekommen eine Art Paten und wachsen so in eine Gemeinschaft, in der sich "niemand fremd" ist, wie es die 2. Vorsitzende Jasmin Bird ausdrückt. Nach der Probe geht's auch mal zum Italiener, zum Geburtstag gibt's einen Tusch, für runde Jubiläen ein "Jubelkomitee", daneben Sommerfest und regelmäßig Konzertreisen, dieses Jahr nach London zu einem befreundeten Orchester. Immer wieder und versiert spielt das Orchester Oper oder Operette mit dem Chor der Mormonen-Gemeinde, in diesem Jahr ist eine Revue im Theater Solingen projektiert.

Mahlers "Titan" braucht noch etwas Putzarbeit. Sechs Hörner wollen gerade nicht so wie der Dirigent. "Die Übernahmen schleppen", tönt es aus dem Blech. Beim neuerlichen Durchlauf klappt's. "Geht doch!", frotzelt Horn 3. Die Heiterkeit ist allgemein.

(RP)
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