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Pädagogisches Konzept regelt Zusammenleben: Jugendknast: Wer brav ist, wird belohnt

Pädagogisches Konzept regelt Zusammenleben : Jugendknast: Wer brav ist, wird belohnt

Düsseldorf (dto). Die Zelle ist wohnlich eingerichtet. Christian füllt Wasser, Nudeln und Curry in einen Kartonbehälter und hält den Tauchsieder hinein. Der 17-Jährige hockt auf dem Bett mit der FC-Bayern-Bettwäsche und stört sich nicht an den Gittern vor dem Fenster. Im Fernsehen läuft ein Zeichentrickfilm. Christian sitzt im Jugendhaus der Justizvollzugsanstalt Düsseldorf ein. Die Einrichtung verdankt er einem Konzept, das gutes Benehmen belohnt und schlechtes bestraft.

"Hier gefällt es mir richtig gut", sagt Christian mit einem strahlenden Lächeln. Die Fotos von der Freundin an der Wand, das Kylie-Minogue-Poster über der Toilette in der Ecke, das selbstgebaute Regal, die Privatkleidung im schmalen Schrank - der 17-jährige Krefelder hat sich auf den wenigen Quadratmetern eingerichtet. "Ich schätze mal, drei Monate muss ich noch bleiben", sagt er. Drei Monate sitzt er schon, weil er Marihuana verkauft hat. Einige Mitgefangene kannte er bereits, als er kam.

Eine kleine grüne Karte an der Zellentür ermöglicht den angenehmen Zwangsaufenthalt. Dahinter steht ein Konzept: Die Farbe zeigt an, dass Christian sich an die Regeln hält, die überall aushängen. Blau wäre nicht ganz so gut, schwarz bedeutete Anstaltskleidung und Standardausstattung auf der Zelle - ohne Fernseher und mit nackten Wänden. "Blau und grün gelten bei den Jugendlichen als Statussymbol. Wer schwarz hat, ist bei den anderen megaout", sagt die Anstaltsleiterin Renate Mohrsbach.

Maximal 90 Untersuchungshäftlinge zwischen 14 und 21 Jahren sitzen im Jugendhaus ein - die meisten wegen Diebstahl und Raub, einige wegen Drogenmissbrauch, immer mehr wegen Gewaltdelikten. Das Leben hinter den hohen Klinkermauern folgt einer einfachen Logik: Wöchentlich bewerten die Vollzugsbeamten das Verhalten der Insassen - mit den entsprechenden Konsequenzen. "Nach fünf Monaten knicken selbst die Härtesten ein", sagt die Leiterin.

Michael (Name geändert) spricht ein Machtwort. Auf dem Boden liegen Zigarettenstummel, die einige Mitgefangene einfach weggeschmissen haben. "Das machen meist die Neuankömmlinge", sagt der 20-Jährige. "Das sagt man denen einmal, zweimal. Beim dritten Mal reicht's." Michael ist Häftling und als so genannter Hausarbeiter für die Ordnung auf der untersten der vier Etagen im Jugendhaus verantwortlich. Seine Tage fangen um 6.00 Uhr mit der Zubereitung des Frühstücks an und enden um 21.00 Uhr mit dem Hausputz. Nach vier Wochen Aufenthalt war er bereits auf grün.

Der Jugendliche in dem silbergrauen Trainingsanzug sitzt zum dritten Mal ein. Erstmals war er mit 14 Jahren da, dann mit 16 Jahren. "Jetzt sitze ich hier wegen Einbruchs. Ich habe aber noch eine schwere Körperverletzung offen", sagt er trocken. Von den Häftlingen mit schwarz hält er sich fern. "Ich will meine Ruhe haben."

Handgreiflichkeiten sind in dem alten Gefängnis von 1890 eher selten - obwohl viele Schlägertypen einsitzen. Die Gewaltbereitschaft und auch sexuelle Delikte nähmen aber zu, sagt der Lehrer Franz-Werner Mehlfeldt. Maximal zehn Prozent seiner Schüler haben einen Schulabschluss, die Hälfte kommt von der Hauptschule. Dafür bietet das Jugendhaus Berufsschulunterricht und Arbeitstherapien in Holz- und Metallverarbeitung, Hauswirtschaft und kreativem Gestalten.

Nach der Rückkehr in die Freiheit und damit ins gewohnte Umfeld gelten meist wieder andere Regeln. Nicht zuletzt deshalb werden viele Jugendliche wieder straffällig und kehren ins Jugendhaus zurück. "Es wäre vermessen zu sagen: 16 Jahre ist was schief gelaufen, und hier gehen sie nach drei Monaten abgeklärt raus", sagt Renate Mohrsbach. "Sie sollen aber wenigstens kennen lernen, dass gutes Verhalten Vorteile hat."

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(afp)