JVA Kleve: Das geschah in der Zelle

Brand in Klever Gefängnis : Was geschah in Zelle 143?

Am Tag nach dem Feuer in einer Zelle des Klever Gefängnisses beginnt die Suche nach der Ursache. Der Insasse liegt mit schweren Verbrennungen im künstlichen Koma. Im kommenden Monat wäre er entlassen worden.

Als der Brandgeruch die Nachbarzellen erreicht, schlagen die Gefangenen Alarm. Mit Händen und Füßen trommeln sie gegen ihre Türen, machen durch Schreie und Lichtzeichen auf sich aufmerksam. In Haftraum 143 brennt es. Alle 232 Gefangenen sind in ihren Zellen eingeschlossen, die JVA ist fast voll belegt. Und: So schnell können sie nicht weg, einen zentralen Schließmechanismus gibt es nicht.

Diese dramatischen Minuten wird im Klever Gefängnis so schnell niemand mehr vergessen. Auch nicht die Justizvollzugbeamten, die sofort zur Hilfe eilen, als gegen 19.15 Uhr der Rauch aus Zelle 143 quillt. Sie machen genau das, was man ihnen für eine solche Notfallsituation beigebracht hat: Sie nähern sich vorsichtig der Zellentür. Als fest steht, dass sie nicht zu heiß zum Anfassen ist, drehen sie den Schlüssel um, öffnen die Tür und ducken sich, um nicht von den Flammen erfasst zu werden, die aus dem engen Raum schlagen. In diesem Moment kommt ihnen der 26-jährige Insassen entgegen. Der Mann ist schwer verletzt.

Einige Kollegen kümmern sich um den Verletzten, andere greifen zum Feuerlöscher oder beruhigen die übrigen Häftlinge. Noch bevor die Feuerwehr eintrifft, ist der Brand fast gelöscht. Doch die Rauchgase haben sich bereits in den Lungen der Beamten festgesetzt. JVA-Mitarbeiter bringen ihre verletzten Kollegen in den Innenhof. Neun Verletzte gibt es insgesamt: der Häftling und acht Justizvollzugsbeamte. In der Kreisleitstelle trommelt man alle verfügbaren Einsatzfahrzeuge zusammen, ruft die Malteser und das Rote Kreuz zur Hilfe. Der Insasse wird zunächst mit einem Rettungswagen ins Klever Krankenhaus gebracht und von dort mit einem Helikopter in eine Duisburger Spezialklinik geflogen.

Tags darauf beginnt die Spurensuche an der Krohnestraße. In Zelle 143 darf bis auf weiteres niemand hinein, die Staatsanwaltschaft hat sie verriegelt. Verkohlte Gitter und verbrannte Gardinenreste zeugen genauso von dem Brand wie der zum Klumpen zerschmolzene Fernseher im Haftraum. Der Häftling hat sich Angaben der JVA zufolge Verbrennungen zweiten und dritten Grades zugezogen, soll auch noch in den kommenden Tagen im künstlichen Koma bleiben. Wie es genau zu dem Brand gekommen ist, wird derzeit von Sachverständigen ermittelt. Polizeiangaben zufolge deuten die Spuren daraufhin, dass das Feuer im Bereich der Schaumstoffmatratze ausgebrochen ist. Der Insasse war Raucher, könnte mit einer brennenden Zigarette eingeschlafen sein. Rauchmelder gibt es nur auf Fluren und in öffentlichen Bereichen, nicht aber in den Zellen, wie Anstaltsleiter Udo Gansweidt sagt. Aber auch vorsätzliche Brandstiftung wird nicht ausgeschlossen. Eine Beteiligung Dritter hält Gansweidt für unwahrscheinlich.

Der 26-Jährige hatte eine Ersatzfreiheitsstrafe verbüßt. Wegen schweren Diebstahls war er zur einer Geldstrafe von 250 Euro verurteilt worden. Weil er diesen Betrag nicht zahlen konnte oder wollte, ging er in Haft. Mitte Oktober wäre die Ersatzhaft verbüßt und der Häftling ein freier Mann gewesen. Laut Hausdienstleiter Jörg Neyenhuys ist der Insasse bislang nie auffällig gewesen, er galt als ruhiger Mensch.

Viele JVA-Beamte stehen noch sichtlich unter dem Eindruck des Erlebten. Jörg Neyenhuys sagt, so etwas habe er in seinen 28 Dienstjahren noch nicht erlebt. Er sei stolz auf seine Kollegen, die so vorbildlich gehandelt haben. „Durch ihr mutiges Handeln ist noch Schlimmeres verhindert worden“, sagt auch Udo Gansweidt. Vier von ihnen mussten auf die Intensivstation gebracht werden. Am Dienstag waren bereits sechs von acht verletzten Kollegen wieder dienstfähig. Sie werden in den nächsten Tagen wohl wieder ihre Schichten im Klever Gefängnis aufnehmen.